Verpackungen : Luft in Tüten

Eine neue EU-Richtlinie erlaubt kreative Angaben auf Verpackungen. Verbraucherschützer warnen: Oft kauft der Kunde mehr Luft als Inhalt - solche Fälle dürften sich häufen.

Joachim Telgenbüscher
270811_0_eb48ff64.jpg
Röntgenblick. Die Verbraucherzentrale Hamburg hat diese Packungen in einem Krankenhaus durchleuchten lassen. -Fotos: Verbraucherzentrale Hamburg, Montage: Mike Wolff

BerlinFertignudeln, Haselnussröllchen und Schokolinsen: Alles leckere Dinge, die man essen kann. Aber warum sollte jemand auf die Idee kommen, diese Lebensmittel zu röntgen? Die Verbraucherzentrale Hamburg hat es getan, um zu zeigen, wie wenig Ware manchmal in großen Packungen steckt. „Luft in Tüten“ nennt Verbraucherschützer Armin Valet diese Mogelpackungen. Auch anderswo in deutschen Supermärkten werde geschummelt, sagt Valet.

Seitdem Hersteller ihre Waren in beliebig großen oder kleinen Packungen verkaufen dürften, würden die Preise unauffällig erhöht: durch Verringerung der Packungsgrößen. Erst Mitte April hat eine neue EU-Richtlinie die Vorschriften für Milch, Schokolade und Fruchtsaft gekippt. Jetzt müssen nur noch Wein und Spirituosen in Normgrößen verkauft werden. Valet fordert strengere Kontrollen und rät unzufriedenen Kunden, den Verbraucherschutz über verdächtige Verpackungen zu informieren.

Eine klassische Mogelpackung ist ein Produkt laut Gesetz dann, wenn seine Hülle mehr Inhalt vortäuscht als wirklich drin steckt. „Es darf nicht mehr als 30 Prozent Luft enthalten sein“, sagt Valet. Sonst droht den Herstellern eine Strafe von bis zu 10 000 Euro pro Fall. Auf ihrer Webseite führt die Verbraucherzentrale Hamburg eine schwarze Liste von betroffenen Produkten. „Bei Süßwaren, wie Pralinen, sind wir besonders häufig fündig geworden – da gelten laschere Regeln.“ So teilten sich die Haselnussröllchen aus dem Penny Markt ihre Packung mit 56 Prozent Luft.

Für den Kunden sei es schwierig, eine Mogelpackung noch im Laden zu erkennen und nicht erst zu Hause, wenn er sie öffnet, sagt Valet. „Sie können die Verpackung natürlich schütteln oder befühlen, aber eindeutige Schlüsse können sie daraus nicht ziehen.“

Eigentlich sind die Eichämter der Länder für die Jagd auf Mogelpackungen zuständig. Doch die seien mit der Aufgabe überfordert, sagen Verbraucherschützer. „Die Kontrollen sind nicht ausreichend, die Eichämter finden doch nur die Spitze des Eisbergs“, sagt Steffen Küßner vom Bundesverband der Verbraucherzentralen. Das Landesamt für Eich- und Messwesen Berlin-Brandenburg hat im vergangenen Jahr in 1300 Testgängen 70 000 Packungen auf Unterfüllung geprüft. „Der Anteil der Mogelpackungen lag zwischen zwei und drei Prozent“, sagt Amtsleiter Alexander Liebegall. Besonders auffällig waren im Supermarkt abgepackter Kuchen, Fleisch und Käse. Hier liegt die Quote näher an zehn Prozent. „Es kommt häufig vor, dass die Verpackung einfach mitgewogen wird – der Kunde kauft dann brutto für netto“, sagt Liebegall.

Für ihn sind Mogelpackungen kein Zufall, technische Gründe, wie sie manche Unternehmen für eine Unterfüllung angeben, lässt er nicht gelten: „Das sind ja nicht irgendwelche Hinterhoffabriken, sondern meist namhafte internationale Konzerne, denen das passiert.“ Ihnen wirft Liebegall Kurzsichtigkeit vor. „Am Ende merkt es der Kunde ja doch und denkt sich, wenn die es bei der Quantität nicht so genau nehmen, dann gilt das Gleiche für die Qualität.“

Problematisch ist der Begriff „Mogelpackung“, wenn Unternehmen die Packung verkleinern und zugleich weniger Inhalt eintüten, den Preis aber beibehalten. Das ist völlig legal, denn in der kleineren Packung ist ja auch weniger Luft. Zudem sind alle Hersteller dazu verpflichtet, den Grundpreis anzugeben – also den Preis für eine festgelegte Standardmenge wie ein Kilo oder 100 Gramm. Der soll dem Kunden den Preisvergleich erleichtern. Für Verbraucherschützer Valet wird aber auch hier getäuscht: „Die Verpackung ist optisch kleiner, aber das merkt der Verbraucher nicht.“ Er habe nur den gelernten Packungspreis im Kopf und könne nicht vergleichen, weil die alte, größere Packung nicht daneben stehe.

Sein Tipp an alle Kunden: Sie sollten auf den Grundpreis achten, nur mit seiner Hilfe könne man den versteckten Preiserhöhungen auf die Schliche kommen. Leider sei der Grundpreis meist zu klein gedruckt, sagt Valet.

Die deutschen Einzelhändler weisen die Vorwürfe zurück. „Es gibt keine versteckten Preiserhöhungen“, sagt Hubertus Pellengahr vom Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE). Die gesetzlichen Vorgaben seien ausreichend erfüllt. Den Grundpreis in der gleichen Größe wie den Packungspreis anzugeben, wie von Verbraucherschützern gefordert, lehnt Pellengahr ab: „Wir wollen Verwechslungsgefahr bei den Preisen vermeiden – sonst sieht der Verbraucher den Wald vor lauter Bäumen nicht.“ Am Preisvergleich sei noch niemand gescheitert: „Sie müssen nur lesen können“, sagt Pellengahr. Den Verbraucherschützern wirft er „maßlose Übertreibung“ und „reine Regulierungswut“ vor.

Bislang hat die neue Verpackungsfreiheit bei Schokolade oder Milch noch keine Folgen für den Verbraucher gehabt. „Wir schauen aber weiter genau hin“, sagt Valet. Es wolle wohl kein Hersteller der Erste sein, der die Richtlinie ausnutzt. Einen Tipp hat Valet doch. „Bei der Schokolade könnte sich am ehesten etwas tun.“ Procter & Gamble weist die Vermutung zurück. Zum jetzigen Zeitpunkt lasse sich nicht sagen, ob die Schokoladen-Verpackung verändert werde, teilt Firmensprecher Güde Lassen mit. Vorerst wiegt eine Tafel also weiterhin 100 Gramm. Das kann man sich merken.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben