Versicherungen : Privatpatienten zweiter Klasse

Viele Menschen zahlen seit Jahresanfang mehr für ihre private Krankenversicherung. In den neuen Basistarif geht trotzdem niemand.

Heike Jahberg
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Kasse oder privat? Beim neuen Basistarif verschwimmen die Grenzen. -Foto: dpa

Beitragsschock zum Jahresanfang: Viele privat Krankenversicherte müssen in diesem Jahr erneut mehr für ihre Versicherung zahlen. Durchschnittlich 3,5 Prozent sind es bei der Allianz, 9,2 Prozent bei der Victoria und 2,9 Prozent bei der DKV. Im Einzelfall können die Erhöhungen jedoch deutlich happiger ausfallen. „Ich zahle jetzt 20 Prozent mehr“, sagt DKV-Mitglied Rainer W. aus Berlin. Er ist auf seine Privatversicherung daher schlecht zu sprechen: „In den vergangenen fünf Jahren haben sich meine Beiträge um 50 Prozent erhöht“, klagt der Angestellte.

Für die die neuerliche Preisrunde machen die Versicherer vor allem höhere Ausgaben für Arzneimittel, Arzt- und Heilpraktikerbehandlungen verantwortlich. Neukunden zahlen seit Jahresanfang zudem einen Aufschlag von rund zehn Prozent, weil sie künftig ihren Anbieter wechseln können. Dazu muss die Branche seit Anfang dieses Jahres einen neuen Tarif, den Basistarif, anbieten. Der Vorteil: Wer jetzt eine neue private Krankenversicherung abschließt, kann jederzeit in den Basistarif eines anderen Versicherers wechseln. Aber auch wer bereits privat versichert ist, kann zur Konkurrenz gehen und dabei einen Teil seiner angesparten Alterungsrückstellungen mitnehmen. Allerdings müssen Altkunden bis Ende Juni kündigen, danach schließt sich das Wechselfenster wieder (siehe Kasten).

Der Basistarif ist den Privatversicherern von der Politik aufs Auge gedrückt worden. Die Branche selbst klagt gegen den neuen Tarif, ein Verfahren vor dem Bundesverfassungsgericht ist anhängig. „Der Basistarif ist nicht kostendeckend und wird von den anderen Versicherten subventioniert“, sagt Stephan Caspary vom PKV-Verband.

Für die Privatversicherer ist der Basistarif ein Fremdkörper. Tatsächlich hat er mehr Ähnlichkeit mit der gesetzlichen Krankenversicherung als mit der PKV. Seine Leistungen entsprechen im wesentlichen dem, was die gesetzlichen Kassen zahlen. Risikozuschläge oder Leistungsausschlüsse gibt es nicht, der Basistarif bietet und kostet bei allen Privatversicherern dasselbe. Egal wie alt oder krank der Versicherte ist, der monatliche Versicherungsbeitrag darf 570 Euro nicht überschreiten. Allerdings kommt auch kaum jemand billiger davon: „Fast alle Erwachsenen werden den Höchstbetrag zahlen“, weiß PKV-Verbandssprecher Caspary. „Gäbe es die Deckelung nicht, wäre der Tarif für die Jüngeren billiger.“

Von „deutlichen Luftpolstern“ bei der Kalkulation spricht dagegen Lars Gatschke vom Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv). „Die Prämien sind vorsichtig kalkuliert“, meint der Verbraucherschützer. Nach Meinung Gatschkes ist der neue Basistarif vor allem für drei Personengruppen interessant. Für Kranke, die in ihrer bisherigen Vollversicherung Risikozuschläge zahlen oder Leistungsausschlüsse hinnehmen müssen. Für Menschen, die ihre Beiträge in der PKV nicht mehr zahlen können, denn im Basistarif kann Hilfsbedürftigen ein Teil des Beitrags erlassen werden. „Viele Ich-AGs werden schließlich im Basistarif landen“, glaubt der Verbraucherschützer. Schließlich ist der Basistarif auch das Sammelbecken für all die, die früher privat krankenversichert waren, jetzt aber gar keine Krankenversicherung mehr haben.

Seit dem 1. Januar dieses Jahres müssen sich auch diese Menschen jetzt wieder krankenversichern. Dennoch ist die Resonanz bescheiden. Zwar fragen viele nach dem neuen Tarif, Abschlüsse gibt es bisher aber kaum. Das könnte zum einen daran liegen, dass sich das neue Angebot noch nicht herumgesprochen hat. Denn Werbung machen die Privaten dafür nicht. Zudem schreckt viele der hohe Beitrag, besonders die Menschen, die derzeit gar nicht krankenversichert sind. Doch das ist kurzsichtig. Denn wer die Versicherung eines Tages doch brauchen sollte, zahlt nach (siehe Kasten).

Fragen zum Basistarif beantwortet der Bund der Versicherten am 14. Januar von 14 bis 18 Uhr unter der kostenlosen Hotline 0800-0003215

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