VERSICHERUNGEN Was die neuen Assistance-Policen taugen : Rundum sorglos? Von wegen

Waschen, putzen, kochen: Die Versicherer bieten nach Unfällen jetzt auch praktische Lebenshilfe. Doch die Leistungen sind begrenzt

Sebastian Wieschowski

Sie hatten einen Unfall und sind ratlos: „Wer putzt für mich, wenn ich im Krankenhaus bin?“, fragt eine ältere Frau mit schmerzverzerrtem Gesicht. „Und wer sortiert meine Wäsche?“, klagt ein Mann mit Gipsarm. Deutsche Versicherer haben die Antwort: Eine Rundum-sorglos-Versicherung muss her. Allianz und Co. bieten jetzt nicht nur Geld, sondern auch Dienstleistungen, die dem Versicherten in der Not schnell und unkompliziert helfen sollen.

Die Leistungen. Am lautesten trommelt derzeit die Allianz für ihre „Unfallversicherung, die auch pflegt, wäscht, putzt und einkauft“. Wer den Allianz-Schutzbrief „55Plus“ abschließt, bekommt persönliche Hilfe in den eigenen vier Wänden – mit Wohnungsreinigung, Einkaufsdienst und Wäscheservice (siehe Kasten). Dazu gibt es je nach Pflegestufe ein Tagegeld. Das entsprechende Angebot der Aachen-Münchener heißt „Assistance XXL“ und gewährleistet nach einem Unfall zehn Wochen lang die Sauberkeit der Wohnung, das Wäschewaschen und den wöchentlichen Einkauf. Auch die Victoria wendet sich an die Generation „50 plus“ – mit einem Wohlfühlpaket aus Hausnotruf, Tag- und Nachtwache sowie einer Pflegeschulung für Angehörige.

Für Ältere gedacht. Vor allem ältere alleinstehende Personen sollen mit All-inclusive-Angeboten angesprochen werden, sagt Hedwig Telkamp von der Verbraucherzentrale Bayern: „Wer davon ausgeht, dass es in einer Notlage niemanden in seinem Umfeld gibt, von dem er entsprechende Hilfeleistungen erbitten kann, wird sicher leicht von einem solchen Angebot zu überzeugen sein.“ Das bestätigt auch Allianz-Vorstand Gerhard Rupprecht: „Gerade von der Generation ,55 plus’ werden Assistance-Lösungen nachgefragt, zumal es immer mehr Alleinstehende gibt, die in Notfällen nicht auf einen Partner oder auf die Familie zurückgreifen können.“ Infratest-Umfragen hätten gezeigt, dass die größte Angst der über 50-Jährigen darin bestehe, schwer zu erkranken oder zum Pflegefall zu werden. Fast 40 Prozent sorgen sich demnach, ihre Eigenständigkeit zu verlieren.

Das Kleingedruckte. Bevor der Verbraucher von einem Rundum-sorglos-Service profitiert, muss er sich jedoch erst durch ein undurchsichtiges Dickicht von Sonderbestimmungen kämpfen. Denn was bei den „All-inclusive“-Policen tatsächlich inklusive ist, unterscheidet sich zum Teil deutlich. Der Fantasie der Unternehmen seien keine Grenzen gesetzt, meint Katrin Rüter vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Einen Schritt weiter geht Georg Pitzl: „Ziel der Versicherer ist es, Produkte unvergleichbar zu machen“, sagt der gerichtlich zugelassene Versicherungsberater. Die Transparenz für den Verbraucher bleibe daher auf der Strecke. Auch bei versprochenen Kapitalleistungen sollten Verbraucher genau hinsehen: Die Allianz stellt eine Prämie ab 20 Prozent Invalidität in Aussicht, eine lebenslange Rente wird ab 70 Prozent Invalidität gezahlt. Die Victoria zahlt eine Unfallrente bereits ab einem Invaliditätsgrad von 50 Prozent.

Nur bei Unfall. Verbraucherschützer betrachten Angebote wie den Allianz-Schutzbrief kritisch: „Wer so eine Versicherung abschließt, wiegt sich in falscher Sicherheit“, sagt Hedwig Telkamp. „Das Problem ist, dass der Versicherungsschutz nur im Fall eines Unfalles greift. Die gleiche hilflose Situation entsteht aber auch bei einer Krankheit, die jemanden für mehrere Tage ans Bett fesselt.“

Reine Vermittler. Besondere Vorsicht ist deshalb beim Kleingedruckten geboten: „Viele gehen davon aus, dass die Leistungen, mit denen geworben wird, versichert sind. Tatsächlich wird aber oft nur die Vermittlung der Dienstleistung übernommen“, sagt Lilo Blunck vom Bund der Versicherten. So werde zwar der tägliche Menüservice organisiert, das Essen müsse aber gesondert gezahlt werden. Auch wenn die neuen Angebote bequem erscheinen: „Zunächst sollte man sich das Kernprodukt, also die eigentliche Versicherung, anschauen, das Beiwerk der Assistance-Leistungen ist nebensächlich“, rät Versicherungsberater Pitzl. Außerdem müssten Zusatzleistungen nicht Bestandteil einer teuren Unfallversicherung sein, sondern könnten auch über Wohlfahrtsverbände im Heimatort individuell organisiert werden.

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