Verbraucher : „Wahren Frieden findet man nicht im Gerichtssaal“

Rechtsanwalt Michael Plassmann rät: Gehen Sie mit Ihrem Nachbarn nicht vor den Kadi, sondern lieber zu einem Mediator

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Herr Plassmann, worüber streiten Nachbarn am häufigsten?

Nachbarschaftliche Auseinandersetzungen drehen sich oft um Dinge, die auf den ersten Blick banal wirken – etwa um herüberhängende Äste und Sträucher, Lärm, Grillgeruch oder Grundstücksgrenzen. Am Gartenzaun können sich richtige Kleinkriege abspielen.

Lohnt es sich, vor Gericht zu gehen?

Jedem Bürger steht der Rechtsweg offen. Aber oft ist der Streit über den Lärm oder über die neue Treppe, die der Nachbar angeblich zu nahe an das angrenzende Grundstück gebaut hat, nur ein Nebenschauplatz. In Wirklichkeit geht es um etwas anderes, und man sucht nur einen Vorwand, um streiten zu können. Ist das eine Thema erledigt, kommt anschließend etwas anderes. Außerdem: Selbst wenn man vor Gericht Recht bekommt und der Nachbar die Treppe ein paar Zentimeter nach hinten versetzen muss, gibt es erst einmal neuen Baulärm und Dreck. Als Kläger hat man lediglich einen Pyrrhussieg erzielt. Den wahren Frieden mit dem Nachbarn findet man nicht im Gerichtssaal.

Und wo findet man ihn stattdessen?

Ich empfehle die außergerichtliche Mediation. Das Erfolgsrezept besteht darin, beide Parteien an einen Tisch zu bekommen und auch über die Hintergründe des Streites zu sprechen. Durch eine geschickte Gesprächsführung hilft ihnen der neutrale Mediator, eine Lösung ihres Konfliktes zu finden. Da die Streitenden selbst miteinander eine Lösung erarbeiten, ist diese gerade für die Zukunft viel tragfähiger als ein Urteil oder ein Vergleich. Das unterscheidet die Mediation auch von der Güteverhandlung oder von einem Schiedsstellenverfahren, wo der Richter oder der Schiedsmann den Einigungsvorschlag unterbreitet.

Ist die Mediation erfolgreicher?

Ja, denn hier suchen die Streitenden mit Hilfe des Mediators aktiv nach einer Lösung, wie sie nicht nur das konkrete Problem, sondern den gesamten Streit lösen können und – das ist noch viel wichtiger – wie sie auch in Zukunft miteinander leben können. Nach der Mediation, bei der nicht nur die Treppe, sondern der gesamte Konflikt behandelt wird, wissen die Parteien voneinander, wo sie stehen und wo ihre wahren Interessen liegen. Die Mediation ist erfolgversprechend, da die Streitenden für die Probleme, die sie besser kennen als jeder andere, nicht nach einem faulen Kompromiss suchen, sondern einen echten Konsens finden.

Gibt es Mediation auch vor Gericht?

Das Land Niedersachsen war der Vorreiter und hat die gerichtsinterne Mediation bereits 2002 eingeführt. Dort können die Parteien, wenn ein Gerichtsverfahren anhängig ist, erst einmal zu einem Richter-Mediator gehen. Das ist ein Richter, der mit dem laufenden Prozess überhaupt nicht befasst ist. In 80 bis 90 Prozent der Fälle hat der Richter Erfolg, und man einigt sich.

Gibt es das in Berlin auch?

Noch nicht. Es wird aber sehr ernsthaft darüber diskutiert, eine gerichtsinterne Mediation zum 1. Januar nächsten Jahres einzuführen.

Wer bietet heute schon Mediation an?

Vor allem Anwälte, die eine Zusatzausbildung als Mediator haben, und Angehörige psychologischer Berufe. Wichtig ist, dass die Klienten durch die außergerichtliche Mediation in die Lage versetzt werden, sich in die Interessen des anderen hineinzuversetzen. Durch den Perspektivwechsel eröffnen sich oft ganz neue Lösungsmöglichkeiten, die den Weg zum Gericht häufig überflüssig machen.

Was kostet eine solche Mediation?

Der Vorteil der außergerichtlichen Mediation besteht darin, dass nicht wie bei Gericht nach dem Streitwert, sondern nach der tatsächlich beanspruchten Zeit abgerechnet wird. Bei einer gerichtsinternen Mediation fallen bislang neben den üblichen Gerichts- und Anwaltsgebühren keine weiteren Gerichtsgebühren an. Eine außergerichtliche Mediation kostet zwischen 150 und 300 Euro die Stunde. Klassische Anwendungsfelder sind das Bau-, das Gesellschafts-, das Familien- und das Erbrecht.

Das ist aber ganz schön teuer!

Aber nur auf den ersten Blick. Bedenken Sie, dass Sie vor Gericht neben dem unsicheren und langwierigen Prozessverlauf bei einem Streitwert von 10000 Euro gleichzeitig ein Prozesskostenrisiko von 7500 Euro tragen. Verlieren Sie beispielsweise einen Berufungsprozess über 100000 Euro, sollten Sie gut 20000 Euro für die Kosten bereithalten.

Aber doch nicht, wenn ich mit meinem Nachbarn streite!

Nein, aber vergessen Sie nicht, dass Sie mit ihrem Nachbarn noch viele Jahre – vielleicht Ihr ganzes Leben – zusammenleben müssen, da sind die Gebühren für die Mediation gewiss gut anlegt.

Zahlt die Rechtsschutzversicherung?

Leider bislang nur in Einzelfällen. Ein Anruf bei der Versicherung lohnt aber in jedem Fall, da auch die Rechtsschutzversicherer mehr und mehr erkennen, dass durch die außergerichtliche Mediation teure Prozesse vermieden werden.

Das Interview führte Heike Jahberg.

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