Verbraucher : Wechseln und sparen

Der Bewag-Nachfolger Vattenfall erhöht zum 1. Mai seine Preise. Aber es gibt Alternativen – wenn man genau nachrechnet

Anselm Waldermann

In Berlin sind sie in diesen Tagen überall zu sehen: großflächige Plakate, die für „lekker Strom“ werben. Natürlich sollen die Berliner nun nicht die Zunge in die Steckdose stecken. Aber Gedanken über ihre Stromrechnung könnten sie sich schon machen. Das zumindest wünscht sich der Auftraggeber der Kampagne, der niederländische Energiekonzern Nuon.

Seit zwei Wochen ist Nuon auf dem Berliner Strommarkt aktiv. Das Management der Straßenbeleuchtung der Stadt hatten die Holländer zwar schon früher übernommen, aber beim Geschäft mit Privatkunden beschränkten sie sich in Deutschland bisher auf Nordrhein-Westfalen. Das soll sich nun ändern: „Berlin ist ein riesiger Markt mit mehr als zwei Millionen Haushalten“, sagt Nuon-Sprecher Robert Mosberg. Vor allem aber sind die Berliner offen für Neues: „Die Wechselbereitschaft der Stromkunden ist mit rund zehn Prozent doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt.“

In der Tat ist Nuon für die Verbraucher eine willkommene Bereicherung des bisherigen Angebots. So haben sie zwar seit Jahren die Wahl zwischen mehreren Versorgern. Die meisten sind jedoch mehr oder weniger kleine Unternehmen. Mit Nuon tritt nun ein großer Konzern auf den Plan – der Marktführer Vattenfall ernsthaft Konkurrenz machen könnte. Vattenfall ist der schwedische Mutterkonzern der ehemaligen Bewag. Zum 1. Januar hat das Berliner Traditionsunternehmen seinen eigenen Namen aufgegeben und den der Mutter übernommen.

„Mehrere tausend“ Berliner Kunden haben die Holländer nach eigenen Angaben den Schweden schon abgejagt. Und es könnten weitere folgen. Denn am 1. Mai wird Vattenfall seine Preise anheben. Je nach Tarif und persönlichem Verbrauch beträgt die Teuerung sechs bis acht Prozent. Anders als bei Gaspreiserhöhungen wird es gegen Vattenfall aber keine Sammelklagen geben – „schließlich haben die Verbraucher Alternativen“, erklärt Gabriele Francke von der Verbraucherzentrale Berlin. Lediglich die Erhöhung beim Tarif „Berlin Klassik“ steht noch unter Vorbehalt. Denn diesen so genannten „gesetzlichen Tarif“ muss der Senat genehmigen. „Wir prüfen das sehr genau“, sagt ein Sprecher von Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linkspartei).

Begründet hat Vattenfall die Preiserhöhung mit den erhöhten Beschaffungskosten an der Leipziger Strombörse EEX. Kurzfristig dürfte dies Nuon weitere Kunden zutreiben. Allerdings können sich auch die Holländer der allgemeinen Stromverteuerung nicht entziehen. Dass Nuon seine Preise nach Ablauf der für ein Jahr abgegebenen Garantie ebenfalls anhebt, ist daher nicht ausgeschlossen.

Ohnehin warnen Verbraucherschützer generell vor einem voreiligen Anbieterwechsel. „Wer heute der Günstigste ist, muss das in drei Monaten noch lange nicht sein“, sagt Francke. Gerade bei Anbietern, die schon länger als Nuon am Markt sind, sollte man daher gezielt nachfragen, wann die letzte Preiserhöhung war. Je länger sie zurückliegt, desto wahrscheinlicher ist es, dass das Unternehmen dies bald nachholt.

„Außerdem sollte man vor einem Wechsel unbedingt den eigenen Verbrauch ermitteln – am besten anhand der Stromrechnung aus dem Vorjahr“, rät Francke. Dabei genüge es nicht, auf den Betrag in Euro zu schauen. „Entscheidend ist der Verbrauch in Kilowattstunden.“ Denn erst dann lässt sich genau nachrechnen, welcher Versorger tatsächlich das beste Angebot macht. So wirbt Nuon zwar zu Recht damit, günstiger zu sein als der Vattenfall-Tarif „Berlin Klassik“. Andere Vattenfall-Tarife können jedoch unter Umständen noch günstiger sein (siehe Tabelle). Vor allem für Familien und andere Haushalte mit einem höheren Verbrauch lohnt sich eher das Angebot „Multiconnect“.

Einen am individuellen Verbrauch ausgerichteten Vergleich erhält man im Internet auf Portalen wie „Stromtip.de“ oder „Verivox“. Nach Angaben der Betreiber wird dieser Service von immer mehr Menschen genutzt. „Die Leute machen sich viel mehr Gedanken als früher“, sagt Torsten Elsner von Stromtip.de. Vor allem die Diskussion über die hohen Energiepreise habe dazu geführt. „Das ist schließlich keine rein politische Debatte. Sie betrifft jeden Bürger am eigenen Geldbeutel.“

Entsprechend steigt die Bereitschaft der Verbraucher, zu einem günstigeren Stromanbieter zu wechseln. „Wenn in diesen Tagen hohe Nachzahlungen ins Haus flattern, kommt man schon ins Grübeln“, sagt Elsner. Im Januar registrierte Stromtip.de zwei- bis dreimal so viele Verbraucher, die ihren Stromanbieter gewechselt haben, wie im Vorjahr.

Allerdings ist trotz der verlockenden Ersparnis Vorsicht geboten – vor allem, wenn der neue Anbieter Vorkasse verlangt wie zum Beispiel das Unternehmen Flexstrom. „Da sollte man immer skeptisch sein“, rät Verbraucherschützerin Francke. „Schließlich besteht die Gefahr, dass das Geld futsch ist, wenn eine solche Firma wieder vom Markt verschwindet.“ Dabei geht es um jährliche Rechnungsbeträge von schon einmal 1000 Euro.

Immerhin: Dass einem der Strom abgedreht wird, muss man in keinem Fall befürchten. Denn Strom gehört zu den so genannten Gütern der Daseinsvorsorge. Deshalb muss der Netzbetreiber – in Berlin also Vattenfall – im Notfall einspringen. Das bedeutet aber, dass man im Falle einer Insolvenz des neuen Anbieters automatisch in den gesetzlichen Tarif „Berlin Klassik“ zurückgestuft wird. Gerade für Haushalte mit einem höheren Verbrauch bedeutet das dann wieder Mehrkosten.

www.stromtip.de

www.verivox.de

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