Wechselwillige Hauptstädter : Berlin zieht neue Stromanbieter magisch an

Immer mehr konzernunabhängige Energiehändler konkurrieren in Berlin um Kunden. Ihre Tarife liegen häufig deutlich unter denen der örtlichen Grundversorger - und haben nicht selten einen Haken.

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Berlin - Flensburg ist in Berlin. Zumindest in Form von Strom. Die Stadtwerke der 90 000-Einwohner-Stadt sind eine von vielen kommunalen Gesellschaften, die inzwischen deutschlandweit ihren Strom vermarkten. Insofern sind auch Mainz, Trier und Bielefeld in Berlin und machen die Liste der Stromanbieter, die Vergleichsportale wie Toptarif oder Verivox ausspucken, bunter und länger. „Die Tendenz geht dahin, dass die Zahl der Anbieter zunimmt“, sagt Daniel Dodt, Redaktionsleiter von Toptarif.

Doch nicht nur Stadtwerke, Discount-Konzerntöchter und Ökostromanbieter bringen den Markt in Bewegung. Auch die Zahl konzernunabhängiger Anbieter steigt. Ein besonders großes Stück von der Hauptstadttorte konnten sie sich bislang indes nicht sichern. Marktführer Vattenfall und die Nummer zwei, Nuon, versorgen zusammen 88 Prozent der Haushalte. Für die übrigen etwa 80 Anbieter bleiben rechnerisch nur je 2500 Haushalte. Dennoch zieht Berlin die Anbieter offenbar magisch an.

Das Geschäftsmodell der Konzernunabhängigen ist ohnehin schlank. Die meisten sind reine Händler, die an der Strombörse Kontingente erwerben und über ein Internetportal vertreiben. „Dadurch sparen die Unternehmen immense Kosten“, sagt Dodt. Ihre Tarife liegen häufig deutlich unter denen der örtlichen Grundversorger.

Grund dafür, dass diese Unternehmen inzwischen mit den größeren Konzernen und Stadtwerken konkurrieren können, ist das veränderte Kundenverhalten. „Zu Beginn der Liberalisierung trug das Geschäftsmodell ‚reiner Vertrieb’ nicht“, sagt Christoph Weber, Professor für Energiewirtschaft an der Universität Duisburg-Essen. „Seit drei, vier Jahren erhöht sich aber die Wechselquote, und in letzter Zeit hat sich auch die Profitabilität verbessert.“ Auch eine Umfrage des Bundesverbands Energie- und Wasserwirtschaft stellt eine erhöhte Wechselbereitschaft fest. 19 Prozent der Haushalte haben demnach seit der Liberalisierung einmal den Anbieter gewechselt, weitere 41 Prozent haben sich für einen neuen Tarif beim bisherigen Anbieter entschieden. Der wichtigste Grund für den Wechsel ist nach wie vor nicht das grüne Gewissen, sondern der Preis – das ist gut für die neuen Billiganbieter.

Gerade Berlin ist für reine Stromhändler ein attraktiver Markt. „Die Wechselbereitschaft in der Hauptstadt ist hoch“, sagt Jürgen Rauschkolb, Sprecher des RWE-Stromdiscounters Eprimo. Hier finden die Anbieter viele der besonders wechselwilligen Kunden: Ökostrom-Fans, aber vor allem die eher gebildeten, aber nur mit mittleren Einkommen ausgestatteten Familiengründer. Sie verspüren laut dem Wechselbarometer des Kölner Marktforschungsunternehmens Psychonomics besonders wenig sentimentale Bindung an ihren bisherigen Anbieter. Hinzu kommen die Imageprobleme des Grundversorgers Vattenfall. „Bei der Übernahme der Berliner Bewag hat Vattenfall alles falsch gemacht, was man falsch machen kann“, sagt der Sprecher eines Mitbewerbers – eine Einschätzung, die häufig zu hören ist. Auch Energieökonom Weber sieht in der Umfirmierung der Bewag, die die Kundenbindung reduziert habe, einen Grund dafür, dass der Berliner Markt vergleichsweise stark in Bewegung ist. Aber auch die Probleme mit dem Atomkraftwerk Krümmel nennen Branchenkenner als Grund für die laxe Kundenbindung.

Angelockt von der vermeintlich schwachen Konkurrenz und den flexiblen Berlinern sind inzwischen gut 80 Unternehmen in der Hauptstadt aktiv. Fast zu viele, findet der Anbieter Teldafax. Ein Sprecher redet von einer „Angebotsflut“ und weist darauf hin, dass auf übersichtlicheren Großstadtmärkten, etwa in Frankfurt am Main oder Köln, die Wechselbereitschaft noch größer sei. Einzelne Firmen konnten sich trotzdem rasch in Berlin durchsetzen, wie etwa Flexstrom, das 2003 mit 30 Mitarbeitern gestartet ist. Inzwischen beschäftigt der Anbieter 300 Personen und versorgt 40 000 Berliner.

Auch die Berliner Stromkunden können sich über den vergleichsweise lebhaften Preiskampf freuen. Eine Studie des „Handelsblatts“ in fünf Metropolen, darunter Berlin, ergab im März, dass eine Familie mit zwei Kindern im Schnitt bis zu 309 Euro im Jahr sparen kann. Auch der Service der konzernunabhängigen Unternehmen fiel nicht schlechter aus als etwa der der Discounter der Energieriesen.

Die Tarife der besonders günstigen unabhängigen Anbieter haben aber teils ihre Haken. Der günstigste Tarif von Flexstrom etwa wird ein Jahr im Voraus bezahlt und hat eine Mindestlaufzeit von zwölf Monaten. Teldafax fordert im günstigsten Tarif Vorauskasse und eine Kaution von 200 Euro. „Tarife mit Vorauszahlungen sind nicht zu empfehlen, ebenso wenig Tarife mit Kautionszahlungen“, warnt Thorsten Kasper, Energiemarktexperte des Bundesverbands der Verbraucherzentralen. Auch von Bonusversprechen solle sich der Verbraucher nicht beeinflussen lassen. Sie reduzierten den Preis nur im ersten Jahr und könnten sogar durch zwischenzeitige Preiserhöhungen ausgeglichen werden. „Wir warnen auch vor Pakettarifen, bei denen die Kunden ein festes Stromkontingent kaufen.“ Kasper rät, auf eine lange Preisgarantie, kurze Kündigungsfristen und ein Sonderkündigungsrecht bei Erhöhungen zu achten.

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