Verbraucher : Yuppie-Wohnung, ganz nah

Kai Müller

DAS TESTURTEIL: 7 Punkte (0 Punkte: Hände weg und alle Bekannten warnen, 5 Punkte: Noch mal drüber schlafen, 10 Punkte: Sofort kaufen)

testet ein Fernglas Von Lord Nelson, dem englischen Kriegshelden, sind viele kluge Geschichten überliefert. Einmal, sein Schiff war der britischen Flotte auf dem Weg nach Kopenhagen vorausgeschickt worden, wurde er vom Flotillenadmiral zur Umkehr aufgefordert. Ein Flaggensignal wurde gehisst. Als man Nelson davon unterrichtete, ließ der sich das Fernrohr geben, hielt es vor sein blindes Auge und sagte: „Ich kann beileibe kein Signal erkennen.“ Er segelte weiter und zwang seine Landsleute, ihm in die Schlacht von Kopenhagen zu folgen.

Das ist eine kluge Geschichte. Denn das Problem bei Ferngläsern ist, dass man sie eigentlich nicht braucht. Es kommt selten vor, dass man einen sehr entfernten Gegenstand sehr genau anschauen möchte. Noch dazu in der Stadt, wo einem schon die sehr nahen Gegenstände oft nicht weit genug weg sein können. Wenn also Nelson schon kein Fernglas brauchte, wozu braucht dann der Stadtmensch eins? Sieht man nicht immer ein bisschen wie ein Grenzposten aus, mit so einer Doppellinse um den Hals? Im besten Fall wird man für einen Ornitologen gehalten.

Manchmal geht es einem mit Ferngläsern aber ein bisschen wie mit Lexika. Irgendwann will man eine Kleinigkeit doch ganz genau wissen.

Der Zufall hat uns ein waldgrünes Gerät von Steiner in die Hände gespielt (8 x 42). „Safari“ steht darauf, und dass es mit 16 Zentimetern etwa dreimal so groß wie ein Opernglas ist und um ein Vielfaches schwerer (635 Gramm), macht es für urbane Gefilde nicht eben zum idealen Begleiter. Trotzdem liegt es perfekt in den Händen, ergonomische Augenmuscheln aus weichem Gummi verhindern seitlichen Lichteinfall, und vor allem in der Dämmerung scheint es die Wirklichkeit aufzuhellen – man kann selbst Dinge in großer Entfernung noch scharf und detailliert erkennen, wenn sie im Zwielicht fürs bloße Auge längst verschwimmen.

Zum Beispiel die Fußballschlachten auf dem Sportplatz wenn das Flutlicht ausfällt und der Lärmpegel anschwillt. Auch muss man die Optik nicht erst langwierig für jedes Okular einzeln einstellen, ein Fokussierrad erledigt das für beide. Und noch ein Vorteil: Die Schutzklappen öffnen sich nach unten und vermeiden es, immer wieder ins Sichtfeld zu rutschen. So kann man gelassen die Grillparty beobachten, die in 300 Meter Entfernung auf dem Dach einer Yuppie- Wohnung ihren lebhaften Verlauf nimmt. Allerdings ist „german engineering“ teuer: 448 Euro kostet das Steiner- Glas. Es liegt damit in der oberen Preisklasse. Das tut die Yuppie-Wohnung allerdings auch.

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