Der Tagesspiegel : Verfall der Geschichte: Ruinen mit der Aura von Bahnhöfen und Kathedralen

Matthias Grünzig

Das Finowtal, das sich westlich von Eberswalde erstreckt, bietet ein Bild der Idylle. Das Wasser des Finowkanals fließt träge dahin. Ein Boot fährt gerade in eine der zahlreichen Schleusen ein. Die Wälder, die das Ufer säumen, spiegeln sich im Wasser. Und im Hintergrund beginnen liebliche Höhenzüge, die den Kanal begleiten.

Doch ein Stück weiter ändert sich das Bild. Plötzlich tauchen am Ufer verfallene Industrieruinen auf. Neben der Drahthammerschleuse erhebt sich eine Halle aus Eisen und Glas, die wie die Kuppel eines alten Bahnhofs aussieht. Die Zeichen des Verfalls sind unübersehbar. Einige Fensterscheiben sind zerbrochen, andere fehlen ganz. Die gewaltigen Eisenträger haben schon sichtbar Rost angesetzt. Und an manchen Wänden haben Jugendliche ihre Graffiti hinterlassen. Dennoch strahlen die filigranen Hallenkonstruktionen eine eigenartige Faszination aus. Nicht weniger interessant ist ihre Geschichte. Denn zuerst stand die 1849 fertiggestellte Halle in den Borsig-Werken in Berlin-Moabit. Nach der Schließung des Werkes wurde sie 1899 abgebaut und nach Eberswalde versetzt. Seitdem gehörte sie zur Eberswalder Eisenspalterei. Bis in die neunziger Jahre hinein diente sie als Lagerhalle. Doch der Niedergang der Industrie machte auch sie überflüssig. Seit 1993 steht sie leer.

Ein paar Meter weiter bietet sich erneut ein ungewöhnlicher Anblick. Dort wölben sich rätselhafte Eisenbögen über den grauen Brachflächen. Die verwitterten Eisenkonstruktionen wirken fast wie ein Saurierskelett. In Wirklichkeit sind sie aber die Überreste einer Halle des Neuen Walzwerkes. Auch sie hat eine bewegte Geschichte. Ursprünglich gehörte sie zum "Stettiner Bahnhof" in Berlin. Nach dem Neubau des Bahnhofes im Jahr 1876 verschlug es sie aber nach Eberswalde. Heute umgibt die Hallenruine ein eher morbides Flair.

Im Gegensatz zu diesem Bild des Verfalls stehen die backsteinverkleideten Riesenquader der Papierfabrik Wolfswinkel. Dieser Bau ist auch heute noch gut erhalten. In seinem Innern empfängt den Besucher eine strahlende Helle. Große Fensterflächen lassen die Sonne in die Werkhallen scheinen. Und die oberen Etagen bieten einen fantastischen Panoramablick auf das Finowtal. 1929 wurde ein Teil der Papierfabrik im Stil der Neuen Sachlichkeit gebaut. Nach der Produktionseinstellung in den neunziger Jahren steht auch dieses Gebäude leer.

Auf der anderen Straßenseite breitet sich eine riesige Brachfläche aus. Auf dem kargen Boden hat sich die erste Spontanvegetation angesiedelt. Dazwischen erheben sich Trümmerhaufen. Betonquader türmen sich wüst übereinander. Sie wirken wie bizarre Felsklippen. Hier befand sich die Chemische Fabrik Finowtal, die in den neunziger Jahren dem Abrissbagger zum Opfer fiel. Nun wartet das Gelände auf neue Nutzer.

Am nahegelegenen Ufer des Finowkanals erhebt sich ein Gebäude, das wie eine Kathedrale erscheint. Die imposante Backsteinfassade wird durch einen turmartigen Schornstein betont. Das Innere ist nicht weniger beeindruckend. Über der großen Fabrikhalle wölbt sich ein hohes Kuppeldach. Das gedämpfte Oberlicht verleiht dem Raum eine fast schon sakrale Atmosphäre. In diesem 1908 errichteten Bau befand sich einst das Kraftwerk Finow. Bis in die neunziger Jahre war es noch in Betrieb. Zwischen den Industrieanlagen schlängeln sich rostige Eisenbahngleise. Hier hat sich die Natur ihr Terrain schon zurückerobert. Auf alten Weichen wachsen wilde Gärten. Zwischen Schwellen erheben sich junge Birken. Und die Industriebahnhöfe sind von einem Gewirr aus Büschen, Sträuchern und kleinen Bäumen überzogen. Einst gehörten diese Bahntrassen zur Eberswalde-FinowfurterEisenbahn, die bis 1996 das ganze Industriegebiet durchquerte.

Das Finowtal bietet noch weitere Erlebnisse. Die riesigen Werkhallen des Walzwerkes Finow sind ebenso eindrucksvoll wie die Fabriken des Altwerkes, das einst von den sowjetischen Streitkräften genutzt wurde. Sie erzählen noch heute von der industriellen Tradition dieses Gebiets. Denn das Finowtal zählt zu den ältesten Industrierevieren Brandenburgs. Schon im 17. Jahrhundert entstanden hier die ersten metallverarbeitenden Werke. Später kamen chemische Betriebe und Maschinenbaufabriken hinzu. Auch während der DDR-Zeit war Eberswalde ein wichtiger Industriestandort. Der "VEB Kranbau Eberswalde" exportierte damals Kräne in zahlreiche Länder. Nach der Wende konnte sich jedoch nur ein kleiner Teil der Industrie am Markt behaupten. Viele Betriebe stellten dagegen ihre Produktion ein. Übrig blieben riesige Industrieflächen, auf denen nicht mehr produziert wurde, und viele Werkhallen, in die der Leerstand einzog. Der Niedergang der Industrie konfrontierte die Stadt mit neuen Fragen. Was sollte mit den Industriearealen geschehen? Wie könnten die Industriebauten in Zukunft genutzt werden?

Eine Antwort ist das Konzept der Landesgartenschau, die Eberswalde im Jahr 2002 veranstalten will. Danach soll entlang des Finowkanals ein industrielles Gartenreich entstehen. Die alten Industrieflächen sollen zu Parks umgestaltet werden. Auch die Einbeziehung alter Industriebauten ist geplant. Und die Wiederbelebung der alten Eberswalde-Finowfurter-Eisenbahn ist im Gespräch. Als Museumsbahn könnte sie die Besucher durch die Industrielandschaft fahren.

Auf dem Gelände der Eisenspalterei haben die Bauarbeiten für die Gartenschau schon begonnen. Hier werden die alten Fabrikflächen planiert und mit neuen Bäumen bepflanzt. Ein Teil des alten Walzwerkes wird erhalten und in den Park einbezogen. Er wird auch in Zukunft an die industrielle Vergangenheit Eberswaldes erinnern. Wenn das Konzept der Planer aufgeht, dann könnte Eberswalde zu einem Modell für den Umgang mit alten Industriebauten werden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben