Der Tagesspiegel : Verkehrssicherheit: An allen Bundesstraßen stehen jetzt Notrufsäulen

Claus-Dieter Steyer

Der Schock nach dem nächtlichen Unfall auf der Bundesstraße 87 von Lübben nach Frankfurt (Oder) lähmte zunächst alle Gedanken. Auf nasser Fahrbahn war das Auto in den Graben gerutscht. Der Beifahrer wurde eingeklemmt. Doch keine Panik, sagte sich der Fahrer. Übers Handy wollte er Hilfe holen.

Doch das Schicksal meinte es zu dieser Zeit offenbar nicht gut mit den Verunglückten. Denn das Handy meldete "Netzsuche". Die beiden Personen saßen in einem Funkloch fest. Aber ein kleiner schwarzer Pfeil an einem Markierungspfosten neben der Straße signalisierte Rettung. Er zeigte zu einer Notrufsäule.

Nach wenigen hundert Metern war das mit den Buchstaben "SOS", einem Strahlenkreuz und einem Telefonsymbol gekennzeichnete Gerät erreicht. Blitzschnell meldete sich nach dem Abnehmen des Hörers die Rettungsleitstelle, die einen Notfallwagen zur Unfallstelle schickte.

So schilderte Siegfried Steiger am Montag in Lübben einen typischen Fall an den von seiner Stiftung unterhaltenen Notrufsäulen. Sie stehen jetzt auch im ganzen Land Brandenburg an allen Bundesstraßen im Abstand von zweieinhalb bis dreieinhalb Kilometern. In den Landkreisen Ostprignitz-Ruppin, Oberhavel, Uckermark, Oberspreewald-Lausitz, Dahme-Spree und Oder-Spree befinden sich alle Säulen in Betrieb. Der Rest soll bis Mitte Oktober angeschlossen werden. Insgesamt können die Unfall- oder Pannenopfer an 473 Rufsäulen Hilfe anfordern. In einigen Gegenden gehören auch öffentliche Telefonzellen zu diesem flächendeckenden Netz.

Ein Schriftzug weist die Notruftelefone als Eigentum der Björn-Steiger-Stiftung aus. Diese hatten Ute und Siegfried Steiger, die privat in Baden-Württemberg ein Architekturbüro betreiben, nach dem Tod ihres Sohnes ins Leben gerufen. Der 9-Jährige war im Mai 1969 als Fußgänger durch ein Auto angefahren worden. Er hatte einen Schock erlitten. Doch trotz sofortiger Alarmierung traf der Krankenwagen erst nach knapp einer Stunde an der Unfallstelle ein. Björn erlag noch auf dem Weg ins Krankenhaus seinen Verletzungen.

In den vergangenen drei Jahrzehnten sammelte das Ehepaar rund eine halbe Milliarde Mark für seine Aktion "Notfallopfer brauchen eine Chance". Sie können sich heute zugute halten, den gesamten Rettungsdienst der alten Bundesrepublik reformiert zu haben. Dazu gehörten die Anschaffung von Rettungswagen, die Durchsetzung der einheitlichen Notfallnummern 110 und 112, die Gründung der Deutschen Rettungsflugwacht und der Bau der Notrufsäulen als bekannteste Initiative.

Nach der Wende tauchten die ersten Notruftelefone auch in der ehemaligen DDR auf. Bis auf Mecklenburg-Vorpommern, das die Anlagen bis jetzt ablehnt, sind inzwischen fast alle Bundesstraßen damit ausgestattet. "Die Kosten von sechs Millionen Mark sind alle durch Spenden und Bußgelder aus dem Westen aufgebracht worden", sagte Siegfried Steiger. "Nun gehen wir auch im Osten verstärkt auf Werbetour." Denn auch Kreis-und Landesstraßen als Unfallschwerpunkte sollen flächendeckend Notrufsäulen erhalten.

Der Vorteil der Notrufsäulen gegenüber den Mobiltelefonen liegt nicht nur in der größeren Zuverlässigkeit. Ein Anruf von den Säulen signalisiert der angeschlossenen Zentrale sofort den genauen Standort des Anrufers. Außerdem besteht die Möglichkeit des Rückrufes. Durchschnittlich sechsmal wird jede Notrufsäule im Jahr benutzt. In einigen Gegenden Brandenburgs ist diese Zahl allerdings manchmal schon in einem Monat erreicht.

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