Vermisste Tanja : Warten ohne Ende - Eltern wollen Gewissheit

Vor zwei Jahren verschwand die 21-jährige Tanja spurlos, die Ermittlungen führten zu keinem Ergebnis. Die Eltern warten noch immer, doch der Verstand lässt sie ahnen: Die Tochter lebt nicht mehr. Inzwischen wollen sie nur noch eins: Gewissheiten. Und appelieren an den Täter.

Birgit Reichert[dpa]

KorlingenIn Tanjas Zimmer steht die Zeit still. Alles ist genau wie an jenem Tag, als sie das Haus ihrer Eltern zum letzten Mal verließ: Der große braune Plüschbär sitzt auf dem Bett, Bücher türmen sich auf dem Schreibtisch und das Kalenderblatt an der Wand zeigt den Juni 2007. Auch die Schlüssel der 21-Jährigen hängen am Eingang. "Die hat sie immer aufgehängt, wenn sie zu Hause war", sagt Mutter Waltraud Gräff in Korlingen bei Trier. Seit nun fast zehn Monaten ist Tanja verschwunden. Zuletzt wurde die Studentin am 7. Juni auf einer Uni-Fete an der Fachhochschule (FH) Trier gesehen. Dann verliert sich ihre Spur. Trotz intensiver Suche der Polizei gibt es bis heute keinen Hinweis auf das Schicksal, das der hübschen jungen Frau widerfahren ist.

Nach monatelangem Warten sind die Eltern realistisch: "Mein Herz hofft zwar, dass sie noch lebt. Mein Verstand aber sagt etwas anderes", sagt die 51 Jahre alte Mutter. Die Ungewissheit aber sei unerträglich. "Ich glaube schon, dass man erst abschließen kann, wenn man weiß, wo sie ist, und sie zu uns zurückholen kann." In ihrer Trauer gehen die Eltern daher jetzt erstmals an die Öffentlichkeit und appellieren an den möglichen Täter: "Er soll uns wenigstens sagen, wo unsere Tochter ist", sagt Waltraud Gräff. Erst dann könnten die Eltern zur Ruhe kommen. Auch mögliche weitere Zeugen, die bei dem Sommerfest an der FH etwas gesehen haben, sollten sich melden.

Fall hat auch bei Polizeibeamten Spuren hinterlassen

Verzweiflung auch bei der Polizei: "Wir haben alles Menschenmögliche getan - und trotzdem keine konkrete Spur", sagt einer der Chefermittler, Eckhard Otto. Alle Hinweise von Zeugen in der Nacht des Verschwindens seien "weich", keine harte Fakten: "Nach 4.13 Uhr wissen wir gar nichts mehr." Auch die rund 1500 Hinweise, die im Fall Tanja eingegangen sind, haben die Polizisten nicht weitergebracht. Die monatelange Suche nach der Studentin, die im Stadtbild von Trier immer noch auf Plakaten und Postern präsent ist, hat auch bei den Beamten Spuren hinterlassen: "Der Fall begleitet mich Tag und Nacht", sagt Otto.

Bei den Gräffs hat sich im Juni 2007 das Leben von heute auf morgen schlagartig verändert. "Man überlebt wie in einem Vakuum. Alles was früher wichtig war, ist es heute nicht mehr", sagt Waltraud Gräff. In ihrer Qual haben die Eltern auch die Hilfe eines Psychologen in Anspruch genommen: "Das war aber wenig hilfreich", sagt Vater Karl-Heinz Gräff. Für die Mutter bringt die Arbeit als Buchhalterin bei der Caritas inzwischen wieder ein bisschen Ablenkung. "Aber wir haben auch immer wieder Tage, wo wir gar nichts können und nicht vor die Tür gehen wollen", sagt die Mutter. So wie früher werde das Leben jedenfalls nie mehr, ergänzt der 63 Jahre alte Vater. Jeden Abend steckt er in Tanjas Zimmer Teelichter an und betet.

Der Ermittlungsleiter gibt noch nicht auf

Der Leiter der 15-köpfigen Ermittlungskommission, Christian Soulier, ist nach wie vor voller Tatendrang: "Wir sind noch nicht fertig. Wir arbeiten noch Spuren ab und dadurch entstehen auch immer wieder neue." Die Polizei hat auf dem Gelände der FH jeden Stein umgedreht. Taucher kontrollierten Teiche, Seen und die Mosel. Hunderte Studenten wurden überprüft, zig Bekannte der 21-Jährigen befragt. Nichts und wieder nichts. "Wir greifen nach jedem Strohhalm, aber haben wenig Hoffnung, dass der entscheidende Hinweis jetzt noch kommt", sagt Otto. Dass Tanja noch am Leben ist, glaubt von den Ermittlern keiner mehr so recht.