Der Tagesspiegel : Verwunschenes Paradies unterm Hammer

Staatsanwaltschaft will das von einem Millionär ersteigerte „Lange Werder“ pfänden lassen

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Lychen. Das Paradies kostete den Millionär genau 680 000 Euro. Er fand es im nördlichen Brandenburg, an der Grenze zu MecklenburgVorpommern. Auf einer Insel im See vor dem kleinen Ort Lychen wollte der Mann aus Westfalen geruhsame Stunden verbringen. Das rund fünf Fußballfelder große Eiland ersteigerte er sich im Juni vergangenen Jahres auf einer spektakulären Auktion. Seinem Gebot hatte keiner der 25 anderen Interessenten aus Deutschland und Übersee Paroli bieten können. Doch jetzt werden diese möglicherweise wieder ihre alten Unterlagen heraussuchen. Denn der Millionär ist offensichtlich pleite. Die Insel wird wahrscheinlich zwangsversteigert.

„Wir haben gegen den Beschuldigten ein Ermittlungsverfahren wegen Steuerhinterziehung im großen Stil eingeleitet“, sagt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Bielefeld. Falls er die Steuerschulden nicht bezahlen kann, würde auch die Insel gepfändet werden. Gutachter müssten sie wie jede andere Immobilie bewerten, um das bebaute Grundstück notfalls zugunsten der Staatskasse zu verwerten. Die Steuerschulden von Josef Andreas B., der in Beelen ein Unternehmen für Reinigungsmittel für die Lebensmittelbranche betreibt, sollen sich auf rund vier Millionen Euro belaufen. Mitte Januar bis Mitte Februar saß er deshalb in Untersuchungshaft. Wie es von Ermittlern heißt, hatte der Mann jahrelang Betriebsergebnisse manipuliert und Schwarzarbeiter beschäftigt. Gegen eine hohe Kaution kam er wieder auf freien Fuß.

Eine gewisse Genugtuung über diese Geschichte empfindet vor allem der langjährige Bewohner der Insel, Harald Jancke. Der 47-Jährige hatte sich nach der Wende um das „Lange Werder“ im Lychensee gekümmert. Denn nach dem Sommer 1990 waren die letzten regulären Nutzer der Insel verschwunden: Beschäftigte des volkseigenen Betriebes Binnenfischerei. Dieser gelangte ins große Vermögen der Treuhandanstalt, die das wegen ihrer Sichelform auch als Mondinsel bezeichnete Paradies schließlich im vergangenen Sommer versteigern ließ. Harald Jancke hoffte vergeblich auf eine Anstellung beim neuen Eigentümer. Er durfte seine rund 800 Meter vom Ufer entfernte Wahlheimat nicht mehr betreten.

In diesen Tagen sieht er oft nach der Insel. Der See ist noch zugefroren, so dass er sich regelmäßig mit seinem Hund auf den Weg macht. „Jemand muss sich doch um die Häuser kümmern“, sagt Jancke, und repariert die Dachrinne an der Villa mit den großen Balkonen. Gern hätte sich der Lychener selbst um die Insel beworben. „Ferien für behinderte Menschen oder Jugendtreffen hatte ich mir vorgestellt.“ Aber für die Auktion fehlte ihm das Geld, auch bei einer erneuten Versteigerung kann er nicht mitbieten.

Die Insel, so sagt er, sei nichts für Wochenendausflügler oder spontane Aufenthalte. Man müsse mit den Eigenarten des Einsiedlerdaseins und der Geschichte des „Langen Werder“ leben. Die ist vor allem mit dem Namen des Professors Gotthold Pannwitz verbunden. Er baute Lychen zur einer Lungenheilanstalt aus und behandelte auf der Insel an Tuberkulose erkrankte Menschen. Ein Gedenkstein erinnert an ihn. Allerdings wurde sein letzter Wunsch, auf der höchsten Stelle des Eilandes begraben zu werden, nicht ganz erfüllt. „Seitdem spukt es hier“, erzählt Harald Jancke. Er habe im letzten Sommer oft Stimmen und Geräusche gehört, obwohl niemand anderes anwesend gewesen sei. ste

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