Der Tagesspiegel : Viele Namen, große Zettel, langes Falten

Eindrücke aus den Wahllokalen

Claus-Dieter Steyer

Wriezen/Kremmen/Zossen - Vielerorts stöhnten Menschen gestern über die meistens unerwarteten Dimensionen der Stimmzettel. So standen im Wahlkreis 2 im Westen Potsdams gleich 117 Kandidaten zur Wahl. Das entsprechende Papier war 30 Zentimeter breit und fast einen Meter lang. „Wir wussten gar nicht, wie wir das Tapetenstück überhaupt falten sollten“, sagte eine Frau recht entnervt. So wie ihr ging es vielen Wählern, die nur mit Mühe und nach mehreren Versuchen das Papier in den Schlitz der Wahlurne stecken konnten.

Unerwartete Wartezeiten waren die Folge nicht nur in Potsdam, sondern auch im Landkreis Märkisch-Oderland. Hier betrachteten die Wähler zunächst eingehend die aushängenden Musterstimmzettel. „So brauchten wir nicht erst in der Wahlurne alle Kandidaten zu studieren und konnten schnell unsere Kreuze machen“, berichtete eine Familie in Wriezen, der wichtigsten Stadt im Oderbruch.

Auch im südlichen Berliner Umland gab es extralange Wahlzettel. In Zossen hatten zwar SPD und Linke jeweils 14 und die CDU 13 Kandidaten für die Wahl zur Zossener Stadtverordnetenversammlung aufgestellt, doch die Mehrheit der Kandidaten bot mit 40 Namen die Wählerinitiative Plan B auf – eine Allianz der drei Gruppierungen BAGZ (Bürgerallianz Großgemeinde Zossen), VdP (Vereinigung der Parteilosen) sowie AZ (Allianz für Zossen). Auf Platz eins stand die amtierende parteilose Bürgermeisterin Michaela Schreiber. Der SPD-Landtagabgeordnete Christoph Schulze hatte auf seine Weise reagiert und Plan B eine „Augsburger Puppenkiste“ genannt. Doch wie viele Bürger nach der Stimmabgabe betonten, hätten diese angeblichen „Marionetten“ bereits im Wahlkampf das etablierte Parteiengefüge in Zossen mächtig durcheinander gewirbelt.

In anderen Orten diskutierten Einwohner nach der Stimmabgabe auch über so manche Auswüchse des zurückliegenden Wahlkampfes. Der konnte in der Stadt Kremmen nordwestlich Berlins durchaus als hochprozentig bezeichnet werden. Der SPD-Bürgermeister Klaus-Jürgen Sasse hatte tatsächlich „Luch-Kräuter“-Schnaps-Fläschchen mit eigenem Konterfei verschenkt. Das ertragreiche Rhinluch liegt schließlich gleich in der Nähe. Sein Herausforderer Joachim Brenning von der CDU konterte mit Apfelsaft.

In Cottbus führten vor allem die Wahlcomputer zu mancher Verunsicherung. Eine 71-jährige Dame ließ sich den Vorgang genauestens von einen Wahlhelherlfer erklären: Auf dem Monitor seit man den Stimmzettel, dann drückt man mit dem Finger dorthin, wo man sonst sein Kreuzchen machen würde. Wenn sie sich vertippt, kann sie so lange korrigieren, bis es ihr passt und sie den Knopf „Absenden“ drückt. Es klappt. War doch ganz einfach. Und bei der Auszählung war Cotbus so am schnellsten. Claus-Dieter Steyer

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