Der Tagesspiegel : Viele Orte, ein Gedenken

Claus-Dieter Steyer

Vor dem Bau des Holocaust-Mahnmals in Berlin waren die dramatisch klingenden Warnungen aus Brandenburg nicht zu überhören. Politiker, Wissenschaftler und Überlebende warnten vor einem Bedeutungsverlust für die authentischen Orte des Terrors, der Qualen, des Mordens und des Überlebenskampfes: So könnten die großen Gedenkstätten Sachsenhausen in Oranienburg und Ravensbrück in Fürstenberg niemals den Wettlauf gegen den Verfall der Vernichtungsstätten, Baracken, Versuchslabore, Krematorien, dicken Lagermauern oder der Appellplätze gewinnen. Die Zuschüsse aus den Kassen des Bundes und des Landes würden durch die Konzentration auf Berlin noch spärlicher fließen. Ein Denkmal könne niemals eine so große Überzeugungskraft ausstrahlen wie der tatsächliche Ort des NS-Terrors. Also müsse das wenige Geld in die Gedenkstätten gesteckt werden.

Die am Ende der Neunzigerjahre propagierten Schreckensszenarien waren verständlich, haben sich aber glücklicherweise nicht bestätigt. Zwar zieht das Holocaust-Mahnmal mit seinen Stelen und seiner Ausstellung täglich zahlreiche Besucher an. Doch auch die Gedenkstätten in Sachsenhausen und Ravensbrück haben nichts von ihrer Anziehungskraft verloren. Das liegt vor allem an den gerade in den vergangenen Jahren durch viel Geld erweiterten Angebote für die Besucher. Deutschland hat sich also sowohl für das Berliner Mahnmal als auch für die Erhaltung der authentischen Orte entschieden.

In Sachsenhausen entstanden aus der einsturzgefährdeten Vernichtungsstation „Z“ ein architektonisches Meisterwerk zur Bewahrung der schrecklichen Hinterlassenschaften, mehrere neue Ausstellungen und ein allen Bedürfnissen entsprechendes Besucherzentrum. Das besitzt seit gestern auch die Gedenkstätte des KZ Ravensbrück. Rund zwei Millionen Euro flossen dafür nach Fürstenberg an der Landesgrenze zu Mecklenburg. Der Aufbau einer Dauerausstellung über das größte Frauen-KZ dauert wohl bis zum Jahre 2012, weil die Gebäude dafür erst aufwendig saniert werden müssen.

Die guten Besucherzahlen der Brandenburger Gedenkorte beweisen die richtige Anlage des Geldes. Vor allem Jugendgruppen aus West- und Nordeuropa gehören zu den Gästen in Sachsenhausen. Da fällt es fast nicht ins Gewicht, dass eine andere Voraussage nicht in Erfüllung gegangen ist. Denn ursprünglich hatte die Gedenkstättenstiftung damit gerechnet, dass nahezu jeder Staatsgast in Berlin auch einen Abstecher nach Sachsenhausen macht. Tatsächlich trifft das fast nur auf die israelischen Spitzenpolitiker zu. Doch es profitieren längst noch viel mehr vom einst so heftig umkämpften Geldsegen.

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