Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Insekten die Flügel ausreißen und am selben Strang ziehen

Weil Deutschland sich mit Hilfen an Griechenland zurückhält, schwingen die Griechen die Nazi-Keule. Sind nur zahlende Deutsche gute Deutsche?

„WmdW“ liebt die Griechen – von A wie Aristoteles/Aristophanes bis X wie Xanthippe/Xenophon. Ohne sie gäbe es auch in einem anderen Sinne keine westliche Zivilisation, haben sie doch in den Schlachten von Salamis und bei den Thermopylen den Westen vor Achmadinedschads Vorfahren bewahrt. Das war 480 v. Chr. Seitdem beglücken sie uns hauptsächlich mit Sirtaki und Tsatsiki. Und mit einem Land, das nie in den Euro gedurft hätte. Dass die Deutschen in Hellas gewütet haben, ist richtig. Auch richtig ist, dass die Nazi-Keule eine Ablenkung von so schlichter Art ist, dass Sokrates zum zweiten Mal zum Schierlingsbecher gegriffen hätte, wenn er den ersten überlebt hätte.

Muammar Gaddafi ruft zum Heiligen Krieg gegen die Schweiz auf. Braucht das Land jetzt unsere „uneingeschränkte Solidarität“?

Solidarität würde schon reichen, und zwar aus eigenem Interesse. Gaddafi ist wie ein Kind, das gern Insekten die Flügel ausreißt – es sei denn, man schlägt ihm gelegentlich auf die Finger. Das Insekt ist jetzt die Schweiz – ein Land ohne Gemeinschaft (EU) und Bündnis (Nato). Der Mann hat ein gutes Gefühl für Schwäche. Das Anti-Minarett-Referendum ist ihm Vorwand. Der wahre Grund ist Rache für die Verhaftung seines randalierenden Sohnes 2008 in Genf; danach hat er zwei Schweizer Geschäftsleute als Geiseln genommen, einer musste gerade in den Knast. Gegen nordafrikanische Piraten haben die USA und Europa Anfang des 19. Jahrhunderts lange Krieg geführt, bis es aufhörte. Zumindest zu einer politischen Geste des „So nicht“ sollte der Westen sich aufraffen.

Obamas Gesundheitsreform stockt. Sollte er sich lieber um andere Dinge kümmern?

Das wird er nicht, ebenso wenig wie der Papst den Zölibat streichen wird. Dabei gibt es viel zu tun: Iran, Afghanistan, Irak, eine Wirtschaft, die vielleicht in ein zweites Rezessionsloch rutscht, ein mörderisches Defizit und eine Schuldenquote, die bald die italienische erreichen wird. Die Republikaner werden in der Novemberwahl reichlich Sitze im Kongress dazugewinnen. Wenn sie einen halbwegs respektablen Kandidaten aufstellen (New Yorks Bürgermeister Bloomberg scheint das Wasser zu testen) könnte Obama ein „one-term-president“ werden.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik …

Die ist gnädigerweise anders als die holländische, wo die Sozialdemokraten wegen Afghanistan die Koalition mit den Konservativen gesprengt haben. Bei uns aber ziehen Union und SPD in der Frage der deutschen Präsenz am selben Strang: Die Deutschen bleiben. Ein bemerkenswerter und beruhigender Trend angesichts des kleinkoalitionären Theaters.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mos.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben