Villa Schöningen : Das Juwel an der Agentenbrücke

Am Sonntag eröffnet die Bundeskanzlerin die Villa Schöningen direkt an der Glienicker Brücke

Claus-Dieter Steyer
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Neu belebtes Schmuckstück. Die Villa Schöningen wurde nach Jahrzehnten des Verfalls im DDR-Grenzgebiet aufwendig saniert. Das Haus...Foto: dpa/Bernd Settnik

Potsdam - Offiziell wird die direkt an der Glienicker Brücke gelegene Villa Schöningen zwar erst am Sonntag von der Bundeskanzlerin als Museum und Ausstellungsort eröffnet. Aber zwei prominente Politiker konnten schon vorher inkognito einen Blick in das neu belebte Gebäude werfen. Ex-US-Präsident Georg Bush sen. und Altkanzler Helmut Kohl erhielten eine Sonderführung und äußerten sich danach begeistert sowohl über die Dokumentation über die sowjetisch-amerikanischen Agentenaustausche auf der Glienicker Brücke im Kalten Krieg als auch über die zeitgenössische Kunst, die das Haus nun beherbergt. Ab kommendem Montag kann sich jeder Besucher sein eigenes Urteil bilden.

Er dürfte zunächst von der Schönheit der Villa direkt an der Havel überrascht sein. Jahrelanger Leerstand hatten das Gebäude und sein Gartenreich so verkommen lassen, dass kaum noch jemand Notiz von dem Schandfleck nahm. Jetzt kann es zu Recht wieder als Juwel bezeichnet werden, strahlt der Bau doch wieder so wie im Entstehungsjahr 1843. Ludwig Persius, der begabte Schüler von Schinkel, hatte für den damaligen Potsdamer Verschönerungsplan ein Musterbeispiel geliefert. Damit überzeugte er nicht nur seinen Auftraggeber, den preußischen König Friedrich Wilhelm IV., sondern auch den Nutzer Kurd Wolfgang von Schöning, Hofmarschall des Prinzen Carl von Preußen. Auf ihn geht die Namensgebung der im italienischen Stil errichteten Turmvilla zurück, stammte er doch aus der Kleinstadt Schöningen, die östlich von Braunschweig liegt.

In der weiteren Chronik spiegelt sich wie sonst an kaum einem anderen Ort deutsche Geschichte wider. Nach mehreren Eigentümerwechseln ging das Haus 1878 an den jüdischen Bankier Hermann Wallich, einem der ersten Direktoren der Deutschen Bank. 1910 übernahm das Gebäude dessen Sohn Paul Wallich, Bankier und späterer Mitinhaber des Frankfurter Bankhauses J. Dreyfus & Co. Dieser wählte nach der Pogromnacht am 11. November 1938 in Köln den Freitod, weil er Verfolgung und Inhaftierung durch die Nationalsozialisten befürchtete. Seine Frau Hildegard verließ die Villa 1939 kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und flüchtete in die USA.

Die Nazis richteten hier eine Bibliothek und ein Militärbüro ein, bevor die Rote Armee 1945 ein Lazarett eröffnete. Fünf Jahre später folgte der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB), der hier Büros und einen Kindergarten betrieb. Schon bald wandelte sich der Kindergarten zu einem Kinderwochenheim, das die ganze Villa beanspruchte.

Nach dem Bau der Mauer 1961 befand sich die Villa an der Schwanenallee plötzlich im Sperrgebiet. Vor und hinter dem Grundstück verliefen Stacheldraht- und Betonbarrieren. Dennoch bestand das Wochenheim, das Kinder aus sozial schwierigen Familien betreute, bis 1994.

Schon 1992 hatten die Erben der Familie Wallich das Haus zurückerhalten. Sie verkauften das lukrative Grundstück fünf Jahre später an den Berliner Bauunternehmer und Architekten Dieter Graalfs, der die Sanierung der Villa durch den Bau und späteren Verkauf von fünf weiteren Häusern auf dem Gelände bezahlen wollte. Doch das Potsdamer Stadtparlament lehnte die Pläne mit dem Hinweis auf die Nähe zum Unesco-Welterbe ab. Es folgten Leerstand, Verfall und Vandalismus.

Erst der Erwerb durch den Vorstandschef der Axel Springer AG, Mathias Döpfner, und Leonhard H. Fischer, Chef der Industrie-Holding RHJI International SA in Brüssel, im März 2007 wendete das Blatt. Sie ließen die Villa in enger Abstimmung mit Denkmalpflegern restaurieren.

„Unser Traum wäre es, wenn die Villa Schöningen, dieser von der Geschichte geschundene Zeitzeuge zwischen Berlin und Potsdam, zwischen West und Ost, das würde, was das Haus und sein Garten bis heute nie waren: ein fröhlicher Ort der Freiheit“, sagte Mathias Döpfner.

Das Museum über die Glienicker Brücke und die Kunstausstellung „1989“ sind ab dem 9. November donnerstags bis sonntags von 12 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet acht Euro, ermäßigt vier Euro.

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