Der Tagesspiegel : Voll das Leben

Früher war es mir fast peinlich, wenn jemand zu uns nach Hause kam. Schon, wenn man hereinkommt, bricht das Chaos auf einen ein. Über den Flur sind Massen von Schuhen und Jacken verteilt, und der Rest lässt nicht lange auf sich warten. Mein kleiner Bruder (8) sitzt vorm Fernseher, meine kleine Schwester (10) übt Klavier, und von meinem anderen Bruder (14) kriegt man nur die schreckliche Musik mit, die aus seinem Zimmer dröhnt. Dann wird zum Essen gerufen, und nach zehn Minuten sind alle irgendwie eingetrudelt. Es wird mehr geredet als gegessen, jeder will von seinem Tag erzählen, vom Fußalltraining, der Mathearbeit und den Plänen fürs Wochenende. Jeder will reden, redet den anderen rein, will selbst aber auch, dass man ihm zuhört. Wenn man aus der Küche kommt, schwirrt einem erst mal der Kopf, aber genau deshalb liebe ich es ja eigentlich. Es ist nicht wie bei manchen am Tisch, wo niemand redet, weil es sich nicht gehört, oder weil man sich nichts zu sagen hat. Bei uns will jeder etwas erzählen und die anderen an seinem Leben teilhaben lassen. Wenn wir alle zusammen sind, spürt man das Leben wie in kaum einem anderen Moment, und auch wenn es mir oft zu viel ist, würde ich es vermissen.

Oder Weihnachten. Ungefähr 20 Geschenke brauche ich, wenn ich will, dass keiner beleidigt ist. An einem langen Tisch sitzen wir mit Omas, Onkel, Großtanten, Großcousinen, Neffen, Halbschwester, deren Freund und Baby. Von den Älteren hört man alle paar Minuten: „Wie bitte, was hast du gesagt?“, die kleinen Kinder rennen durch die Wohnung und spielen Fangen, die Erwachsenen unterhalten sich oder versuchen es zumindest, und nebenbei schläft das Baby. Es ist anstrengend, aber es ist mir nicht mehr peinlich.

Wer zu mir kommt, lernt einen Teil meines Lebens kennen und vor allem einen großen Teil von mir. Diese Familie und dieses Zuhause machen wahrscheinlich mehr von mir aus, als mir klar ist. Im Prinzip kann mir auch nicht vorstellen, ohne diesen ganzen Zirkus zu leben. Ohne den Lärm, das Gestreite um die Fernbedienung oder eine Oma, die jeden Tag dreimal anruft. Natürlich wünscht man sich manchmal ganz weit weg und ist genervt von allem und jedem – aber es wäre doch komisch, wenn keiner mehr ohne zu klopfen ins Zimmer kommen oder mich am Wochenende um halb neun Uhr morgens durch Klavierüben wecken würde. Dann hätte ich niemanden zum Anschreien, weil ich noch schlafen oder ich in Ruhe lernen will. Es wäre doch alles nur noch halb so spannend. Undine Weimar-Dittmar, 16 Jahre

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