Der Tagesspiegel : Vom Frohsinn zum Frust

Sandra Dassler

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Die „Stadt der fröhlichen Leute“ ist Cottbus nur noch in der „fünften Jahreszeit“: wenn hier der größte Karnevalsumzug Ostdeutschlands stattfindet. Ansonsten hat sich die Stimmung der knapp über 100 000 Einwohner in den vergangenen Jahren kontinuierlich verschlechtert. Dabei galt Cottbus einmal als Hochburg des Optimismus. Zeitungen lobten die zukunftsfrohe, anpackende Mentalität der Niederlausitzer, die im krassen Gegensatz zu den nörglerischen, pessimistischen Potsdamern stünde.

Das war Mitte der 90er Jahre, als sich Cottbus zumindest zeitweilig in eine blühende Landschaft verwandelte. Im wahrsten Sinne des Wortes – die Bundesgartenschau bescherte den Cottbusern 1995 nicht nur Millionen Besucher, ein modernes Messezentrum und viele neue Hotels, sondern auch eine gehörige Portion Stolz und Selbstbewusstsein. Der Aufstieg des einstmals eher unbedeutenden Fußballvereins Energie in die Bundesliga verlängerte diese Hochstimmung – doch dann begann der Katzenjammer: Die Arbeitslosigkeit pegelte sich um die 20 Prozent ein, neue Industrieansiedlungen gab es kaum, junge Leute wanderten ab, die Einwohnerzahl der zu DDR-Zeiten als „Energiezentrum“ künstlich aufgeblähten Stadt schrumpfte unaufhörlich. Zwar bemühte sich der damalige Oberbürgermeister Waldemar Kleinschmidt (CDU) redlich, den Bürgern klar zu machen, dass nach den Höhepunkten nun die Mühen der Ebene folgen müssten, er fand kein Gehör. Im Gegenteil – der einstmals Hochgelobte wurde zum Buhmann und trat enttäuscht nicht mehr zur Wahl an.

Die zuvor von ihm geschasste Karin Rätzel nutzte ihre Chance. Sie versprach den Bürgern alles, was diese hören wollten: die Verwaltung auf Trab zu bringen, die Innenstadt zu beleben, Investoren in die Stadt zu holen. Vier Jahre später ist die Bilanz eher ernüchternd, der Aufschwung hat nicht stattgefunden, der Skandal um die nur knapp vor der Insolvenz geretteten Stadtwerke hat gravierende Mängel im kommunalen Management offenbart. Vor allem hat Karin Rätzel es nicht verstanden, die Stadtverordneten auf sich einzuschwören und damit der Bevölkerung das Gefühl zu vermitteln, dass alle an einem Strang ziehen.

Auch deshalb ist die Stimmung so gedrückt wie nie zuvor. Nicht einmal der noch immer mögliche Wiederaufstieg ihrer Fußballer in die 1. Bundesliga am kommenden Sonntag lässt so etwas wie Optimismus oder gar Euphorie aufkommen. Dass Karin Rätzel trotzdem gute Chancen hat, nicht abgewählt zu werden, liegt paradoxerweise genau an dieser Resignation. Die ist so groß, dass viele Cottbuser am 2. Juli gar nicht zur Wahlurne kommen werden. Zumal nicht wenige sagen: „Ist doch egal, wer im Rathaus sitzt. An der hohen Arbeitslosigkeit ändert das nichts.“

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