Der Tagesspiegel : Vom Protokoll wenig zu spüren

THORSTEN METZNER

POTSDAM ."Dieser herzliche Umgang von Schröder mit den Franzosen - det is ne Backpfeife für Kohl - ganz klar!", sagt die Rentnerin, die mit einer Handvoll Schaulustigen trotz eisiger Temeraturen kurz nach acht Uhr morgens vor dem Jan-Boumann-Haus im Holländischen Viertel ausharrt.In den deutsch-französischen Beziehungen kennt sich die Frau offenbar aus: Bei der EU-Erweiterung teile sie Frankreichs Bedenken, "daß wir nich alle durchfüttern können".Recht habe der Kanzler hingegen mit dem Vorstoß für niedrigere deutsche EU-Beiträge.Gerhard Schröder sitzt derweil mit dem französischen Ministerpräsidenten Lionel Jospin beim Frühstück.

Der ungezwungene, lockere Umgang vor allem zwischen Schröder und Chirac ist auffällig bei diesem Potsdamer Gipfel, der wohl auch die Schröder-Worte "vom neuen Start" der deutsch-französischen Beziehungen belegen soll.Am Vorabend beim Dinner in der Babelsberger Marlene-Dietrich-Halle duzten sich "Jacques" und "Gerhard".Man plauderte, scherzte.Als Schröder nicht erkannte, woher die Porzellanteller stammen, die das Protokollamt als Gastgeschenk für Chirac ausgewählt hatte, identifizierte Frankreichs Premier die Gabe mit Kennerblick als japanisch.Schelmisch fügte er hinzu."Ja Gerhard, von mir kannst Du noch was lernen."

Auch am zweiten und letzten Tag des Staatsbesuchs ist von Steifheit oder strengem Protokoll nichts zu spüren.Mittags, nach der Tagung der Regierungsdelegationen, formieren sich Chirac, Schröder und Jospin mit 72 Auszubildenden der Sparkassenakademie zum Gruppenfoto."Das sind die Führungskräfte von morgen", sagte Chirac.Fröhlich plaudert er mit den jungen Leuten, während Schröder und Jospin sich ins Goldene Buch des Hauses eintragen.

Während im Audimax der Potsdamer Universität fünfhundert Journalisten auf die Staatschefs und ihre politischen Statements warten, kommen Chirac und Schröder noch einer unerwarteten Autogrammbitte nach.Da das Stehpult schon weggeräumt ist, stellt einer der jungen Leute seinen Rücken zur Verfügung."Das hätte es bei Kohl nicht gegeben", murmelt einer der aus Bonn angereisten Fotografen.Im Eiltempo fährt der Troß zur Universität: Ehe Schröder, Chirac und Jospin im Audimax Erklärungen zur EU-Erweiterung, zum Atomausstieg und zur Nato-Strategie abgeben, halten sie Lobreden.Chirac bedankt sich für den "herzlichen Empfang, den uns die Bevölkerung bereitet hat".Schröder sagt, die Wahl des "preußischen Versailles" als Ort des Gipfels sei "kein Zufall".Man habe auch vorführen wollen, was beim Aufbau Ostdeutschlands geleistet worden sei.

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