Der Tagesspiegel : Von der Cargolifter AG bleiben nur Schulden

Claus-Dieter Steyer

Brand. Die Ära des Luftschiffentwicklers Cargolifter AG ist seit Sonnabend endgültig Geschichte. Unter großem Andrang wurden in Brand die letzten der 8000 technischen Geräte, Büro-Arbeitsplätze und Computer des im Juni 2002 in die Pleite gerutschten Unternehmens versteigert. Anders als an den beiden vorangegangenen Auktionstagen, als vor allem Handwerker, Wiederverkäufer und Vertreter von Flugtechnikfirmen in der riesigen Werfthalle anwesend waren, ersteigerten sich gestern viele Privatleute Möbel und Computer für den Hausgebrauch. Insolvenzverwalter Rolf-Dieter Mönning hatte gehofft, bei der Auktion wenigstens den Gesamtwert der Mindestgebote zu erzielen: 1,9 Millionen Euro. Wie viel tatsächlich zusammenkam, war gestern noch unklar. Cargolifter hat 120 Millionen Euro Schulden hinterlassen.

Unter den rund 3000 Teilnehmern des letzten Versteigerungstages befanden sich auch einige frühere Beschäftigte des Unternehmens. Hauptgesprächsthema bei ihnen waren die Vorwürfe des Insolvenzverwalters, bei Cargolifter habe es sich nur um eine „phantastische Idee“ gehandelt. Er hatte dem alten Management Geldverschwendung vorgeworfen: Der Großteil des Inventars sei nie benutzt worden. Ein Ingenieur, der noch in der zehnköpfigen Restmannschaft des Insolvenzverwalters arbeitet, widersprach: „Wer riesige Lastenluftschiffe entwickeln will, braucht einen großen technologischen Vorlauf“, sagt er. „Da sind Ergebnisse im Unterschied zu einem Produktionsbetrieb nicht sofort fassbar. Aber auf dem Gelände haben alle 600 Angestellten gearbeitet.“ 230 Ingenieure hätten hier geforscht. Die meisten hätten nach ihrer Entlassung gleich wieder einen Job in der Luftfahrtbranche erhalten.

Zweifel an dem Projekt seien dem anfangs mit viel Euphorie gestarteten Team spätestens ein Jahr vor der Insolvenz gekommen. „Als die Fördermittel nicht mehr wie geplant flossen, haben viele Mitarbeiter die Geschäftsführung skeptisch beobachtet“, erzählte der Ingenieur. Aber die meisten Angestellten hätten sich ein Ende des Traums bis zuletzt nicht vorstellen können. Die Anschaffung neuer Büromöbel und Computer sei sogar als Aufbruch in bessere Zeiten gewertet worden.

Daran glaubten auch die Aktionäre der Cargolifter AG. 72 000 Menschen aus Deutschland und dem Ausland zahlten insgesamt 307 Millionen Euro an das Unternehmen. „Das meiste Geld ist futsch“, sagte Andreas Eichner von der Aktionärsvereinigung „Zukunft in Brand“. „Wir konnten nicht einmal gegen einen Verkauf der Halle an die malaysisch-britische Investorengruppe vorgehen, weil wir uns die hohen Prozesskosten wegen des 39 Millionen großen Streitwertes nicht leisten konnten.“ Die Vorhaltungen Mönnings, in Brand sei nie ernsthaft an einem Luftschiff gearbeitet worden, nennt Eichner eine „bodenlose Frechheit“. Das Projekt sei nur gescheitert, weil die Bundesregierung den Geldhahn zugedreht habe.

Die Gäste der Versteigerung aber kümmerten sich gestern wenig um die Klagen der Aktionäre. Sie konzentrierten sich darauf, einen guten Fang zu machen.

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