Der Tagesspiegel : Von Haus aus altersgerecht

Wohnungen lassen sich mit einfachen Maßnahmen ohne Barrieren gestalten – das kommt nicht nur Senioren zugute

Christian Hunziker

Wozu ein Treppenlift gut ist, ist bekannt. Aber ein Gardinenlift? Ganz einfach: Dieses Hilfsmittel lässt die Gardine zum Bewohner herab, um sie dann nach der Reinigung wieder auf ihre eigentliche Höhe zu heben – und erspart es dem Bewohner damit, beim Abnehmen der Gardine halsbrecherische Übungen auf wackligen Leitern vollziehen zu müssen.

Der Gardinenlift ist eine der Einrichtungen, welche die Gewoba Wohnungsverwaltungsgesellschaft Interessierten in ihrer Musterwohnung in der Saarmunder Straße in Potsdam vorführt. Die Plattenbauwohnung ist so umgestaltet worden, dass die Mieter in ihr alt werden können. So ist zum Beispiel der Balkonfußboden angehoben. Um auf den Balkon zu treten, muss man also keine hohe Stufe überwinden. Die Tür des Badezimmers ist breit genug, um auch mit Rollator zurechtzukommen, und verfügt über eine bodengleiche Dusche sowie rutschhemmende Fliesen. Die Küche ist mit einem Induktionsherd ausgestattet. Der ist unterfahrbar, so dass man auch im Sitzen kochen kann, und hat zudem den Vorteil, dass er keine heißen Teile aufweist. Neben dem Bett befindet sich eine Aufstehhilfe, und auch ein Hausnotrufsystem fehlt nicht.

Trotzdem erinnert die Gewoba-Wohnung nicht an ein Pflegeheim, sondern ist eine ganz normale Wohnung. Damit entspricht sie einem Trend, den Fachleute als „Universal Design“ bezeichnen: Was für ältere Leute praktisch ist, erhöht den Komfort für alle. „Es geht nicht darum, stigmatisierende Lösungen für die Generation der Älteren zu finden“, sagt der auf den Markt 50 plus spezialisierte Nürnberger Marketingberater Andreas Reidl. Konkreter formuliert es Lutz Freitag, Präsident des GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen: „Wenn Türen breit genug für einen Menschen mit Rollator sind, hilft das auch einer Mutter mit Zwillingskinderwagen.“

Dabei ist es nach Ansicht der Fachleute nicht notwendig, alle Anforderungen an eine barrierefreie Gestaltung zu erfüllen, wie sie in der DIN 18025 festgelegt sind. Von zentraler Bedeutung ist jedoch das Bad, wie zum Beispiel die Umbauprojekte des im Bereich altersgerechtes Wohnen erfahrenen Architekten Eckhard Feddersen zeigen. Im Soldiner Karree, einem Achtziger-Jahre-Wohnblock im Berliner Stadtteil Wedding, baute sein Büro nicht nur eine bodengleiche Dusche ein, sondern integrierte in diese auch eine Nische. Sie kann als Sitzgelegenheit beim Duschen dienen, aber auch als Ablagemöglichkeit – oder, wie Interessenten bei einem Besichtigungstermin witzelten, zum Abduschen des Gummibaums.

Einfacher als beim Umbau einer Wohnung können solche Maßnahmen beim Neubau umgesetzt werden. Wie eine barrierearme und damit seniorengerechte Wohnung aussieht, lässt sich im Avila-Wohnpark betrachten, den das Petruswerk kürzlich in Berlin-Tempelhof fertigstellte. Auch hier handelt es sich um eine auf den ersten Blick ganz normale Wohnung. Auf den zweiten Blick fällt auf, dass es so gut wie keine Schwellen gibt. Zudem ist das Bad mit einer bodengleichen Dusche und einem unterfahrbaren Waschtisch ausgestattet. Die Toilette hat nichts Ungewöhnliches; ein erhöhter Sitz und ein Haltegriff – beides nützlich, wenn die Kräfte schwinden – lassen sich jedoch leicht nachrüsten. Bereits installiert ist dagegen ein Notruf. Für den Fall, dass der Bewohner tatsächlich verunglücken sollte, ist sichergestellt, dass die Helfer das Badezimmer auch betreten können: Die Badtür schlägt nämlich nach außen auf.

Die schönste barrierearme Wohnung nützt jedoch nichts, wenn sie nur schlecht erreichbar ist. Deshalb achteten die Planer vom Architekturbüro Quick Bäckmann Quick & Partner (Berlin) auch auf einen schwellenlosen Zugang zur Wohnung. Neben einem genügend großen Aufzug (natürlich mit automatischen Türen) gehört dazu eine Haustür, die sich ebenfalls von selbst öffnet und nicht mühsam von Hand aufgerissen werden muss.

Bei bestehenden Wohnhäusern ist dieser barrierefreie Zugang dagegen oft nur aufwendig herzustellen. Die Überbrückung von Stufen zur Eingangstür und ein automatischer Türantrieb zählen deshalb zu den Maßnahmen, welche die staatliche KfW-Förderbank seit diesem Jahr mit ihrem Programm „Altersgerecht umbauen“ finanziell unterstützt. Zinsvergünstigte Kredite gibt es auch für die Verbreiterung von Türöffnungen, den Abbau von Schwellen in der Wohnung, den Umbau von Sanitärräumen und Maßnahmen der Haustechnik.

Dass sich gerade in diesem Bereich einiges erreichen lässt, zeigt wiederum die Gewoba-Musterwohnung in Potsdam. Dort steuert man Leuchten, Steckdosen und Jalousien über eine Fernbedienung. Und wenn man die Wohnung verlässt, kann man mit einem zentralen Schalter sämtliche Geräte, die nicht ständig am Netz hängen müssen, abschalten. Gut nicht nur für ältere Menschen – denn den bohrenden Zweifel, ob man jetzt wirklich den Herd ausgemacht hat, kennen ja auch jüngere Semester.

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