Der Tagesspiegel : Von hier nach nirgendwo
11.02.2012 00:00 UhrGelegentlich laufen Kunst und Wirklichkeit nahezu synchron. Ende 2010 nahm die aus Beirut stammende US-Amerikanerin Annabel Daou an der Biennale in Kairo teil. Wenig später wurde die Ausstellung wegen der Unruhen auf dem nahen Tahrir-Platz geschlossen.
Im Kairoer Kunstpalast auf der Nilinsel Gezira war eine von Daous charakteristischen Wandarbeiten aus handgeschöpftem Papier zu sehen. „From where to where“ zeigte eine Art Landkarte als Netz feiner Linien, die sich bei näherem Hinsehen als einzelne Worte entpuppen. Die Arbeit war 2010 innerhalb von zwei Monaten entstanden, als Daou – erstmals seit ihrer Emigration 1999 – ihre Heimat bereiste und Menschen, denen sie zufällig begegnete, die Fragen stellte: „Wo kommst du her? Wo gehst du hin?“ Während die Antworten ihrer Zufallsbekanntschaften als Tonaufzeichnung zu hören sind, bezeichnen die Linien auf der Karte Daous eigene Aufenthaltsorte.
Doch zumeist verzichtete sie auf konkrete Namen und schrieb entlang der Linien ihres Weges immerfort „I’m here“. Nach der Schließung der Biennale war die Arbeit der Öffentlichkeit entzogen. Doch als sei ein Funke über die Qasr-al-Nil-Brücke gesprungen, skandierten nun die Gegner der Mubarak-Regierung auf dem Tahrir-Platz „Ich bin hier!“
Die Galeristin Tanja Wagner, bei der Daou ihre erste Einzelausstellung in Deutschland zeigt, entdeckte die Künstlerin 2008 in der Ausstellung „Political/Minimal“ der Kunstwerke. Auch eine der damaligen Arbeiten ist noch einmal zu sehen. Sie zeigt einen von Hand geschriebenen Text, der die Verfassung der USA phonetisch in arabischer Schrift wiedergibt. Ohne ihren Kontext aber wird die Sprache zum Objekt und den Angehörigen beider Kulturen gleichermaßen fremd. Daou lotet hier die Grenzen transkultureller Kommunikation aus. Die Empfindlichkeit des von ihr bevorzugten Materials, das immer mal wieder reißt, spiegelt die Fragilität der Beziehungen. Es liegt nah, in der Biografie der 1967 geborenen Künstlerin die Quelle ihrer Arbeiten zu vermuten. Sie erlebte den libanesischen Bürgerkrieg, aber auch die militärischen Aktivitäten ihres neuen Heimatlandes, den USA. So wirkt der Ausstellungstitel „Come back to the war“ doppeldeutig, kann sich auf beide Länder beziehen. Die kulturellen Unterschiede scheinen weitaus kleiner als gedacht. Thomas W. Kuhn
Galerie Tanja Wagner, Pohlstr. 64; bis 3.3., Mi - Sa 11 - 18 Uhr













