Der Tagesspiegel : Von mittags bis Mitternacht wollten alle die Meisterin im Striptease sehen

CLAUS-DIETER STEYER (ODER)

FRANKFURTER .Der volle Name der Europameisterin ist nicht zu erfahren."Rita aus Berlin" hat zu genügen.Auch andere Daten sind tabu.Hauptsache Europameisterin.In der Branche sei das üblich, sagt Dominique, mehr Mann als Frau oder auch umgekehrt.Ritas Metier lebt von den Zweideutigkeiten - der Sprache, des Lichts, der Bekleidung.Rita ist Europameisterin im Striptease.Immerhin fand die Meisterschaft im vergangenen Jahr nicht irgendwo, sondern in der EU-Metropole Brüssel statt."20 Teilnehmerinnen bewarben sich um den begehrten Titel", sagt Rita."Die Jury mußte durch eine einzige Darbietung überzeugt werden." Jetzt soll "Rita aus Berlin" als neues Zugpferd einer Erotik-Show den Osten Deutschlands erobern.Frankfurt (Oder) war am Wochenende wieder ein Test.

Doch was heißt schon Eroberung? Wenn es hier wirklich eine Wachstumsbranche gibt, dann ist es die Erotik im weitesten Sinne.Dorfdiskos erhalten erst den richtigen Kick durch Go-Go-Girls, Karnevalclubs kündigen mit Vorliebe Frauen- und Männerstrips als Höhepunkte an, Vieotheken im buchstäblich letzten Winkel leben vor allem von den sogenannten Erwachsenen-Abteilungen.Warum sollte es also in Frankfurt anders sein? Das war es natürlich nicht.Europameisterin Rita, die aus diversen Filmen bekannte Sylvia Rauch und zwei Dutzend andere Darsteller zogen tausende Besucher buchstäblich in ihren Bann.

Dabei konnte sich beim Frankfurter Veranstaltungsort niemand mit dem Zufall herausreden.Denn das Messegelände liegt abseits aller Einkaufs-, Arbeits- oder Bummelwege.Wer zur Messe wollte, mußte entweder bis zur Endstation der Straßenbahn fahren und einen längeren Fußweg in Kauf nehmen, oder mit dem Auto den Stadtrand ansteuern."Die Leute wollen Spaß und Abwechslung.Sie sehnen sich gerade nach solchen Shows", sagte Veranstalter Axel Gerdewischke.Da gebe es keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern, obwohl die Männer zwischen dreißig und fünfzig auch in der Oderstadt dominierten.

Selbst der in einer wirtschaftlich nicht gerade glänzenden Region hoch erscheinende Eintrittspreis von 30 Mark war keine Hürde.Die Besucher strömten von mittags bis Mitternacht in die Messehalle und beklatschten Rita, Sylvia und die anderen Show-Nummern.29 Stände machten gute Geschäfte mit erotischen Naschereien, Tattoo-Künsten oder Dessous.Erstaunlich allein blieb der Andrang vor dem Porno-Kino, für das extra bezahlt werden mußte.Hier spielte wohl das sonst in der Oderregion eher etwas dürftige Angebot an solchen Etablissements eine Rolle.

Es gibt ohnehin kaum noch eine nennenswerte Zahl von Bordellen im Berliner Umland.Von den nach der Wende zahlreichen Straßenstrichen blieb nur noch jener in Schönefeld zwischen Polizeiwache und Flughafen übrig."Diese Geschäfte laufen fast nur noch in privaten Wohnungen, wohin die Freier per Annonce und Telefonnummer gelockt werden", sagte erst kürzlich der Oberstaatsanwalt Hartmut Oeser aus Frankfurt.Die Polizei habe diese früheren Brennpunkte der Kriminalität weitgehend schließen müssen, nachdem hier Menschenhandel und Zwang zur Prostitution nachgewiesen worden waren.

In Frankfurt liegt das Geschäft nach dem spektakulären Prozeß gegen den Ostbrandenburger Bordellkönig und seinem Partner in der Polizeispitze vor zwei Jahren weitgehend am Boden.Selbst die Nacht- und Striptease-Bars am anderen Oderufer sind nur noch am Freitag und Sonnabend abend einigermaßen gefüllt.Dann stehen vor allem Autos mit Kennzeichen fernerer Bundesländer vor der Tür.Die Einheimischen aus Frankfurt und Umgebung lassen sich offenbar durch häufige Meldungen über Auto- und Brieftaschenklau oder ansteckende Krankheiten abschrecken.Wie gesittet ging es da doch auf der Erotik-Messe zu."Wir bringen eben hauptsächlich frischen Wind ins Schlafzimmer", sagte Veranstalter Gerdewischke.Rätselhaft blieb die Ausdauer zweier Männer, die nach Angaben von Ausstellern mehrere Stunden ihren Platz an der Bühne nicht verließen und der Europameisterin Rita unentwegt zujubelten.

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