Der Tagesspiegel : Von Ulbricht aufgelegt

Bei ihrer Flucht aus Wandlitz ließen die SED-Chefs massenhaft Schallplatten und Bücher zurück. Die niemand will

Claus-Dieter Steyer

Bernau-Waldfrieden. In dieser Bibliothek hat schon 14 Jahre lang niemand mehr ein Buch in die Hand genommen. Ihre Bestände haben sich seit November 1989 kaum verändert. 350 laufende Meter umfasst die Sammlung, die heute auf wenig Interesse stößt. Dabei ist diese Zusammenstellung aus DDR-Zeiten so original wie nirgendwo anders: Sie steht in der ehemaligen SED-Politbüro-Siedlung Wandlitz nördlich Berlins. Die nach der Wende auf dem einst hermetisch abgeschirmten Gelände angesiedelte Klinik will dieses Erbe nun loswerden. Doch bislang lief die Suche nach einem Abnehmer erfolglos.

Die Sammlung der Bücher von Karl Marx, Erwin Strittmatter, Anna Seghers, Karl May, Johann Wolfgang von Goethe, Gotthold Ephraim Lessing, Alexander Fadejew oder die Schallplatten von Paul Dessau, Johannes R. Becher, Beethoven, Frank Schöbel und Chris Doerk, Michael Hansen und den Nancies oder Dean Reed geht ursprünglich auf Walter Ulbricht zurück. Er besaß in der drei Kilometer vom eigentlichen Dorf Wandlitz entfernten und geografisch zu Bernau gehörenden Siedlung die meisten Werke. Schließlich war der Partei- und Staatschef bei der Fertigstellung der neuen Anlage 1960 schon 67 Jahre alt. Er blieb hier bis zu seiner Entmachtung 1971 durch Honecker. Zwei Jahre später starb Ulbricht im Gästehaus der DDR-Regierung am Döllnsee in der Schorfheide.

In Ulbrichts Haus im Habichtweg 7 zog später der Chef der Staatlichen Plankommission Gerhard Schürer ein, der mit seinen Büchern Ulbrichts Bibliothek erweiterte. Den größten Zuwachs erhielten die Regale und Schränke jedoch im Wende-Herbst ’89. Damals verließ der einstige Führungszirkel teilweise fluchtartig die Siedlung. Die Wut vieler Menschen auf den alten Machtapparat entlud sich besonders in der „Wandlitzer Bonzensiedlung“. Nach den ersten Berichten im DDR-Fernsehen über die Kaufhalle mit „Westwaren“, das Schwimmbad und die Zahl von 500 Personen, die für das Wohl der Parteioberen zuständig waren, kam es zu spontanen Demonstrationen vor den Toren. Am 14. Dezember 1989 beschloss die Modrow-Regierung nach einem Vorschlag des Runden Tisches die Siedlung in ein Rehabilitationszentrum umzuwandeln. Bis Anfang Januar 1990 wurden alle 23 Einfamilienhäuser geräumt.

Bis auf Egon Krenz, der in eine Villa am Majakowski-Ring in Pankow zog, mussten sich fast alle Parteiführer mit kleineren Wohnungen zufrieden geben. Erich Honecker fand zunächst Unterschlupf im Pfarrhaus von Lobetal bei Bernau, Stasi-Chef Mielke landete in einem Plattenbau in Hohenschönhausen. Zurück ließen sie in der Waldsiedlung ihre Bücher- und Schallplattensammlungen. Sie landeten dort, wo mit Ulbrichts Sammlung schon die meisten Bücher standen – im Haus Habichtweg 7. Kein ehemaliger Bewohner traute sich nach dem Auszug wieder zurück. Er hätte sich einer aufgebrachten Menge entgegenstellen müssen. Allein zwischen dem 25. Januar und dem 15. Februar 1990 besichtigten 70 000 Menschen das Gelände.

„Wir wollen die Büchersammlung nicht behalten“, sagt Kai-Uwe Michels, Geschäftsführer der seit 1991 auf dem Gelände ansässigen Brandenburg-Klinik. „Für unsere Patienten liegt das Ulbricht-Haus vom Hauptgebäude zu abgelegen. Deshalb boten wir die Bücher und Schallplatten dem Bundesarchiv an, das aber nach einer Besichtigung eine Übernahme ablehnte.“ Nun sucht die Klinik nach anderen Interessenten. „Gegen eine Spende für unsere krebskranken Patienten sind wir jederzeit zu einer Abgabe bereit“, meint Michels.

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