Der Tagesspiegel : Voreiliger Umzug

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ClausDieter Steyer kritisiert das Tempo bei der Umsiedlung von Diegensee für den Großflughafen

ANGEMARKT

Bei 80 Millionen fallen einige Hundert Euro für Freibier, Spanferkel und Hackepeter nun wirklich nicht ins Gewicht. Außerdem sei das üppige Mahl den 300 Einwohnern von Diepensee auch gegönnt. Sie haben in den letzten Monaten viel Umzugsstress erlebt und besser als mit einem großen Fest könnte das Leben im neuen Dorf gar nicht beginnen. Wo sie bisher wohnten, arbeiteten oder ihre Verstorbenen auf dem Friedhof besuchten, soll schon bald die Start- und Landebahn des geplanten Großflughafens in Schönefeld gebaut werden. Zwölf Kilometer entfernt ist das neue Diepensee schöner und komfortabler als je zuvor entstanden. Nicht zufällig waren die Vorteile der bislang unbekannten Fußbodenheizungen in den Einfamilienhäusern das wichtigste Gesprächsthema beim Fest.

Zwar trauert der eine oder andere der Heimat nach, aber das alte Diepensee gehörte nun wahrlich nicht zu den schönsten Dörfern der Region. Nun aber hat ihnen der Steuerzahler ein wirkliches Schmuckstück hingezaubert. Ihnen kann das Gezerre über den neuen Flughafen völlig egal sein. Doch der Steuerzahler, der die Flughafengesellschaft nach der gescheiterten Privatisierung und damit auch den Umzug von Diepensee bezahlt, kann nur wieder hoffen: Hoffentlich waren die 80 Millionen Euro nicht umsonst.

Denn es mutet schon merkwürdig an, mit welchem Tempo das Dorf den Baggern weichen musste. Dabei stehen die aufwändigen Gerichtsverfahren über den Bau des Airports erst noch bevor. Niemand weiß, ob und wann der Flughafen überhaupt kommt. Aber leider sind diese voreiligen und unter Selbstüberschätzung leidenden Aktionen aus der Stolpe-Ära fast schon typisch für Brandenburg: Die Chipfabrik wurde ohne gesicherten Finanzplan begonnen, beim Luftschiffbauer Cargolifter ließen sich Politiker von einem redegewandten Vorstand ein Startkapital von rund 50 Millionen Euro entlocken, der Lausitzring verschlang mehr als das Doppelte an öffentlichen Mitteln, um dann ohne Formel 1 gleich in die Pleite zu rutschen. Die gescheiterte Beamtenstadt Wünsdorf, wo Tausende Menschen auf einem ehemaligen Militärgebiet ein neues Heim beziehen sollten und heute Trostlosigkeit dominiert, gehört ebenso dazu wie so manches leere Gewerbegebiet oder der noch nicht gestoppte Gigantismus beim Ausbau der Wasserstraßen.

Falls der Großflughafen nicht kommt, wovon die immer stärker werdende Gegnerschaft ausgeht, könnte auch Diepensee zum Synonym für eine gescheiterte Politik gelten. Ohne Zeitdruck wurde ein Ort umgesiedelt und obendrein für viel Geld noch ein nutzloses, weil nicht gebrauchtes, Baufeld dazugekauft. Bei dem ohnehin schon kräftig durcheinander geratenen Zeitplan des Airports wären kleinere Verzögerungen kaum ins Gewicht gefallen. Von den Diepenseer wird keine Kritik kommen. Sie haben ihre Wohnverhältnisse auf Staatskosten enorm verbessert. Die kann ihnen niemand mehr nehmen, selbst wenn über dem alten Diepensee nie Flugzeuge starten und landen werden.

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