Der Tagesspiegel : Wachsen wie die Sachsen

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ClausDieter Steyer schaut voll Neid auf die erfolgreichen Nachbarn im Süden

ANGEMARKT

Die Sachsen reden nicht über eine Chipfabrik – sie bauen gleich zwei. Sie diskutieren nicht endlos über einen Großflughafen, sondern profitieren schon seit Jahren von zwei modernen Airports. Sie verschrecken Investoren und Touristen nicht mit Buckelpisten und Tempo-60-Schildern auf wichtigen Autobahnen und Landstraßen, deren Dimensionen aus der Postkutschenzeit stammen, sondern verbinden Wirtschafts- und Kulturzentren mit neuen Trassen.

Und Brandenburg? Es leidet nicht nur unter den genannten Hindernissen, sondern gerät nun auch deutschlandweit ins Zwielicht. Zweifelhafte Zulagen für die zu 90 Prozent aus dem Westen stammenden Beamten haben dem Land vor allem moralisch geschadet. Aus Sachsen sind solche Machenschaften nicht bekannt.

Doch nun versuchen Brandenburger tatsächlich einmal, die Sachsen zu kopieren: Der Wiederaufbau der Garnisonkirche in Potsdam soll nach dem gleichen Muster wie die Wiederauferstehung der Dresdner Frauenkirche geschehen. Mit nicht zu überhörendem Hochmut tönt es aus der Brandenburger Landeshauptstadt. Was die Sachsen können, schaffen auch die Preußen, heißt es da. Doch in diesem Punkt dürften sich die gewiss rührigen Potsdamer irren. In Dresden gab es keinen unendlichen und kaum verständlichen Streit zwischen Kirche und Traditionsverein. Dort gibt es mit dem ZDF einen Spendensammler, der die Idee in die Welt trägt, und eine Landesregierung, die voll hinter dem Vorhaben steht. Die Menschen ziehen mit, während in Potsdam sämtlicher Vorschusslorbeer schon verwelkt zu sein scheint. Schließlich beanspruchte schon ein anderes Wiederaufbauprojekt lange Zeit die Aufmerksamkeit in der Stadt: Das Stadtschloss schien nach dem Wiederaufbau des Fortuna-Portals vor dem einstigen Innenhof nur eine Frage der Zeit zu sein. Natürlich fehlte auch der hämische Seitenhieb in Richtung Berlin nicht. Man werde in Potsdam schon Wiedereröffnung feiern, während die Berliner über ihren Schloss noch immer palavern würden.

Und heute? Das Schloss ist kein Stadtgespräch mehr. Die einstige Lösung, dort den Landtag unterzubringen, scheint völlig außer Reichweite zu sein. Da mutet auch der Wiederaufbau der Garnisonkirche, die immerhin zwischen 45 und 50 Millionen Euro kosten soll, schon sehr utopisch an. Geradezu absurd erscheint das Vorhaben angesichts des fehlenden Geldes zur Erhaltung bestehender, historisch wertvoller Bauten. Im Schwedter Ortsteil Heinersdorf rissen in der vergangenen Woche Bagger das über 200 Jahre alte Schloss ab. Es war baufällig geworden, weil sich seit langem niemand mehr um die gerade in dieser nordöstlichen Brandenburger Region seltene historische Hinterlassenschaft gekümmert hat. Eine halbe Million Euro hätte die Rettung vor dem weiteren Verfall gekostet. Doch weder Kulturministerium noch die Stadt Schwedt, deren eigentliches Stadtschloss schon zu DDR-Zeiten abgerissen wurde, konnten das Geld aufbringen.

Laut Landesdenkmalamt befinden sich 300 der 500 bedeutenden märkischen Schlösser und Herrenhäuser in akuter Gefahr. In Sachsens Landeshauptstadt aber wird nicht nur die Frauenkirche aufgebaut. Das im Krieg schwer zerstörte Residenzschloss soll 2006 als großes Domizil der Kunstsammlungen fertig sein. Viel geredet wird nicht darüber. Die Sachsen machen es einfach.

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