Der Tagesspiegel : Wag’ es und reise

Eine historische Ausstellung in Berlin bringt Brandenburg näher und gibt Tipps für Ausflüge

Stefan Jacobs

Berlin. Die Pferdeknochen liegen in einem Gelass gleich rechts neben dem Eingang. Sie stammen aus der Zeit, als das Pferd seinen langen Weg vom Beute- zum Lieblingstier noch vor sich hatte. Eiszeitliche Jäger hetzten es durch die Mark, bis es in eine Fallgrube oder – sofern vorhanden – einen Abgrund hinunter fiel.

Die rauen Sitten in der Mark haben also Tradition. Dem Brandenburg von einst und heute widmet sich die Ausstellung „Hinaus in die Mark“ der Stiftung Stadtmuseum Berlin in Charlottenburg. Sie erzählt Geschichte und Geschichten von Adel und Ackerbürgern, zeigt Fossilien und Findlinge, erklärt, wie Schlamm zu Stein wird. Dazwischen hängen Bilder von Dörfern, an denen die letzten hundert Jahre scheinbar spurlos vorübergegangen sind.

Museumsgeologe Dietmar Andres hat nahezu jeden Winkel des Landes besucht. Und immer hat er seinen Fotoapparat mitgenommen. So wirkt die Ausstellung wie ein Mix aus Galerie, Heimatmuseum, Lehrkabinett und Landgasthof.

Durch einen großen Raum zieht sich die Spur der Steine, die mit der Eiszeit aus Skandinavien kamen. „Geschiebe“ heißt das im Fachjargon. Den Unterschied zwischen Stein und Findling beschreibt Andres so: „Alles, was ich nicht mehr selbst ins Auto kriege, ist bei mir ein Findling. Eine genaue Grenze gibt es nicht.“ Die Findlinge der Ausstellung hat ein Grabstein-Spediteur ins Museum gebracht. Andres schätzt ihr Alter auf eineinhalb Milliarden Jahre – älter als alles, was sonst in Europa zu finden ist. Der Geologe will meist selbst in der Ausstellung anwesend sein, um Besuchern die Exponate zu erklären.

Beim Blick auf seine Fotos empfiehlt Andres: „Da müssen Sie bald hin!“ Einige Bilderpaare zeigen Gutshäuser vor und nach ihrer Sanierung, daneben erzählen Texte und Gemälde von den Herren, die dort früher gewohnt haben. Auf einem Foto verwittern Trabis im hohen Gras, auf anderen Bildern hört man förmlich die Holzwürmer am Fachwerk nagen. „Machen Sie sich auf den Weg, bevor das verschwunden ist“, rät Andres wieder. Die ganze Ausstellung ist eine Aufforderung, sich auf den Weg ins Umland zu machen: Andres empfiehlt die asphaltierten Oderdeiche zum Skaten und Radeln, aber er kennt auch die Pfade entlang der alten Oder, die Friedrich der Große einst umleiten ließ. Das gewonnene Land im Oderbruch wurde unter Siedlern verlost – daher Namen wie „Güstebieser Loose“, andere Orte bekamen ein „Neu“ vor den Namen – wie Neulewin.

„Es gibt gröbliche Augen, die gleich einen Gletscher oder Meeressturm verlangen, um befriedigt zu sein. Diese mögen zu Hause bleiben“, schrieb Fontane in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. „Doch wer das Auge dafür hat, der wag’ es und reise.“ Das Motto hängt gleich am Eingang.

„Hinaus in die Mark“, Naturwissenschaftliche Sammlung, Schloßstraße 69a in Charlottenburg (neben dem Ägyptischen Museum), 7. Mai bis 17. Juli, dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr, Eintritt frei. Informationen unter: (030) 342 50 30.

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