Der Tagesspiegel : Wahre Blütenträume Erfolgsmeldung der Eberswalder Blütenschau:

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Eberswalde. Statt Mallorca, Antalya oder Ägypten lieber nach Eberswalde? Eine Frage, die in diesem Jahr offenbar oftmals bejaht wird. Die allgemeine Zurückhaltung bei großen Urlaubsreisen beschert der Landesgartenschau einen Erfolg, wie er selbst von kühnsten Optimisten nicht erwartet wurde: Kurz vor der heutigen Halbzeit zählte das Blütenfest seit der Eröffnung Ende April rund 280 000 Besucher. Eine Rekordzahl, wenn man berücksichtigt, dass die Veranstalter für die gesamte Laufzeit nur mit 350 000 Tickets kalkuliert haben.

„Natürlich profitieren wir etwas von der gebremsten Lust auf Fernreisen“, sagt Geschäftsführer Michael Steinland. „Aber wir haben mit unserem Konzept wohl das Interesse vieler Altersgruppen getroffen.“ Es seien eben nicht nur Pflanzen aller Art zu bestaunen, für die sich vorwiegend etwas ältere Menschen begeistern. Mit der Licht- und Tonshow entlang der unterirdischen Kanäle, dem Zauberwald, dem zum Aussichtspunkt umgebauten Kran, den Fahrten mit Tretbooten oder Kanus und den Unterhaltungsprogrammen auf der Freilichtbühne gebe es genügend Angebote für alle Altersgruppen. Rund ein Drittel der Besucher, schätzt Steinland, kommt aus Berlin.

Im Unterschied zur ersten Brandenburger Landesgartenschau vor zwei Jahren in Luckau entstand der 17 Hektar große Park diesmal nicht auf einer früheren Freifläche. Auf dem Gelände am Finowkanal, der mit rund 400 Jahren als älteste noch in Betrieb befindliche Wasserstraße Deutschlands gilt, schlug einst das industrielle Herz von Eberswalde. Vielleicht klingt der immer mal wieder zu hörende Begriff vom „preußischen Manchester“ übertrieben. Aber hier wurden tatsächlich Bleche gewalzt und Hufeisen geschmiedet. Die Berliner Landschaftsarchitekten von „Topotek 1“ haben die Vergangenheit dieser nach der Wende zur industriellen Brache verkommenen Gegend in ihre Planungen einbezogen. Die Spazierwege werden beispielsweise von 40 Zentimeter breiten Stahlbändern eingefasst, die ihren Anfang im alten Walzwerk nehmen. In Gebäuden, aus denen einst Lärm und Gestank nach draußen drangen, duftet es heute nach exotischen Blumen.

Diesen Kontrast spüren auch die Gäste auf den unterirdischen Kühlwasserkanälen. Während Kinder und Jugendliche mit den Tretbooten gewöhnlich Wettfahrten veranstalten, genießen andere diesen Ausflug in die Unterwelt. Sie lassen sich einfach von der schwachen Strömung treiben und gleiten so ganz gemächlich an den Licht- und Toneffekten vorbei. Der Schutzhelm auf dem Kopf erweist sich gerade in diesen Momenten als sehr wichtig. Sonst würde so manche Träumerei wohl mit Beulen enden. Die könnten sich unvorsichtige Menschen auch in der alten Werkhalle holen, in der das Märchen von einem nackten Heiligen erzählt wird. Licht und Klänge zaubern eine gerade auf Gartenschauen nicht unbedingt erwartete Atmosphäre.

Im Abenteuerwald überrascht so manchen ein auf einem Hühnerbein stehendes Hexenhaus. Für die Generation der über 40-Jährigen, vor allem wenn sie Ost-Fernsehen verfolgte, ein Relikt aus alter Zeit. Der sowjetische Märchenfilm „Hexe Baba Jaga“, den damals kaum jemand verpasste, hat dafür Pate gestanden, wie Geschäftsführer Steinland bestätigt. „Bei diesem prächtigen Birkenwald liegt der Vergleich natürlich nahe“, erzählt er. „Wir haben tatsächlich eine Märchenwelt gebaut, die es in dieser Form nicht noch einmal gibt."

Unterhaltsam geht es auch auf der 28 Meter hohen Aussichtsplattform eines Montagekrans zu. Von hier kann das ganze Gelände eingesehen werden. Bei Einheimischen löst der Stahlkoloss aber auch Wehmut aus. 3500 Menschen waren einst beim Kranbau beschäftigt, heute sind es noch 150. Das Walzwerk Finow bot einst ebenfalls 3500 Jobs. Nur ein Bruchteil blieb übrig. Die Arbeitslosenquote in der Region liegt über 20 Prozent. Einige Hundert Eberswalder fanden durch die Landesgartenschau wenigstens einen ABM-Platz. Deshalb hofft Bürgermeister Reinhard Schulz (parteilos) auf eine langfristige Wirkung des Erfolgs. „Viele Gäste entdeckten durch die Gartenschau unsere Stadt und ihre Umgebung“, sagt er. „Sie werden bestimmt wiederkommen und dem Tourismus auf die Sprünge helfen." Claus-Dieter Steyer

Die Landesgartenschau ist bis zum 13. Oktober täglich von 9 Uhr bis zum Einbruch der Dämmerung geöffnet. Die Tageskarte kostet 7,50 Euro, Kinder von 2 bis 16 Jahren zahlen 2 Euro, Ermäßigte 6 Euro. Ab 17 Uhr gilt die Abendkarte für 3,50 Euro. Von Berliner und Potsdamer Bahnhöfen gilt das Kombiticket für 13 Euro, das die Hin- und Rückfahrt, die Nutzung der Stadtbuslinien und den Eintritt enthält. Für einen längeren Aufenthalt bietet sich der Kauf des Barnimtickets für 19 Euro an. Es berechtigt zum freien Eintritt unter anderem in die Gartenschau, in den Zoo, den Wildpark Schorfheide, in das Schifffahrtsmuseum Oderberg und ermöglicht Rabatte in Hotels und Gaststätten. Infos im Internet unter www.laga-eberswalde.de

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