Waldschlösschenbrücke : Brücken verrücken

Ab Samstag verhandelt die Unesco über Dresdens Welterbetitel. Und die Stadt kämpft bis zuletzt. Verschafft der Alternativentwurf Aufschub?

Christina Tilmann
Waldschlösschenbrücke
Leicht oder schwer. Oben der umstrittene Ausgangsentwurf, unten der Alternativentwurf des Stuttgarter Jörg Schlaich -Foto: dpa

BerlinEin schöner Traum. Bei einem Besuch in Dresden schrieb Kleist an seine Schwester: „Ich blickte von dem hohen Ufer herab über das herrliche Elbtal, es lag da wie ein Gemälde von Claude Lorrain unter meinen Füßen – es schien mir wie eine Landschaft auf einem Teppich gestickt, grüne Fluren, Dörfer, ein breiter Strom, der sich schnell wendet, Dresden zu küssen, und hat er es geküsst, schnell wieder flieht...“. Seitdem haben unzählige Dresden-Besucher vom Elbpanorama geschwärmt, die Unesco, die seit einiger Zeit neben Baudenkmälern verstärkt auch Naturdenkmäler schützt, hat das Elbtal auf die Liste des Weltkulturerbes gesetzt, und Dresden, mit Frauenkirche, Zwinger und Gemäldesammlung ohnehin ein Traumort deutscher Erinnerungsreisender, sonnt sich im eigenen Glanz. Ein schöner Traum – wenn da nicht der hässliche Streit um eine hässliche Brücke wäre, der sich nun, allem Anschein nach, seinem hässlichen Ende nähert.

Juristisch jedenfalls sind fast alle Mittel ausgeschöpft in der Fehde zwischen der Stadt (die um den Welterbestatus des Elbtals fürchtet) und Land (das den Baubeginn der von der Unesco kritisierten Brücke forciert); selbst der Gang zum Bundesverfassungsgericht war erfolglos. Zwar hat sich die verzweifelte Stadtverwaltung am Dienstag nach Scheitern ihres Eilantrags beim Verwaltungsgericht Dresden nun an das sächsische Oberverwaltungsgericht in Bautzen gewandt. Allein, es bestehe „nur noch wenig Aussicht auf Erfolg“, räumte Rathaussprecher Kai Schulz ein. Kaum anzunehmen, dass das Oberverwaltungsgericht, das im März entschieden hatte, die Brücke müsse gebaut werden, seine Meinung jetzt ändert.

Und selbst wenn: Mit einer Gerichtsentscheidung vor der Unesco-Tagung in Neuseeland (23.6. – 1.7.), bei der auch über Dresden beraten wird, ist nicht zu rechnen. Falls bis dahin nicht ohnehin vollendete Tatsachen geschaffen sind. Das Regierungspräsidium plant, nach Ablauf der 14-tägigen Einspruchfrist nun zügig die Aufträge für den Brückenbau zu vergeben. Damit wäre die Bauplanung in Gang gesetzt und der Verlust des Welterbestatus kaum noch zu verhindern.

Dabei gäbe es Alternativen. Sechs Gegenentwürfe liegen vor, die deutlich billiger wären als der 157 Millionen Euro

Waldschlösschenbrücke
Auf Höhe des Fahrradfahrers soll die umstrittene Brücke im Noch-Kulturerbe entstehen. -Foto: dpa

teure Entwurf des Berliner Architekturbüros Kolb & Ripke, den zu zahlen sich das Bundesbauministerium ohnehin weigert. Mit dabei: eine kühne Spannkonstruktion des Münchner Altmeisters Frei Otto, eine wild geschwungene Welle von Ben van Berkel, eine auf leichten Ständern schwebende Schmalspurversion von Werner Sobek sowie der eher klassische, aber immer noch deutlich leichtere Entwurf des Stuttgarter Brückenspezialisten Jörg Schlaich. Letzteren will Dresdens Baubürgermeister Herbert Feßenmayr dem UnescoKommittee nun im neuseeländischen Christchurch vorstellen, um zu verhindern, dass das Elbtal den Welterbetitel verliert. Wegen der Brückenpläne war Dresden 2006 auf die „Rote Liste“ der Unesco gesetzt worden.

Mit dem Versuch, bei der Unesco mit dem Verweis auf ein aussichtsloses Verfahren um Geduld zu werben, wird Feßenmayr keinen Erfolg haben. Längst hat sich der Eindruck verfestigt, dass es in Dresden nicht mehr um Vernunft oder die Suche nach der besten Lösung geht, sondern um sture Durchsetzung von Rechtsstandpunkten, um Rechthaberei. Protestbriefe und Appelle, unter anderem von Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee, Medizinnobelpreisträger Günter Blobel oder zuletzt dem Baudirektor der Frauenkirche, Eberhard Burger, verhallten ungehört. Auch die Möglichkeit einer Tunnelunterquerung, die beim Bürgerentscheid nicht zur Wahl stand, ist nach Ansicht des Architekten und Kommissionsmitglieds Volkwin Marg machbar, billiger und wird, nach einer Umfrage der „Dresdner Neuen Nachrichten“, von 60 Prozent der Dresdner befürwortet. Die Brückenbauer kümmert’s nicht.

Kleists Michael Kohlhaas führt in Dresden einen aussichtslosen Prozess. Als wär’s ein Stück von damals.