Waldschlösschenbrücke : Günter Blobel, die Bakterien und die Brücke

Ein Nobelpreisträger kämpft um Dresdens Kulturerbe. Die Ursache von Günter Blobels Zorn trägt den unverfänglichen Namen Waldschlösschenbrücke.

Hartmut Wewetzer
Blobel
Günter Blobel -Foto: pa/dpa

Günter Blobel ist empört. Der Zellforscher von der New Yorker Rockefeller-Universität widerlegt an diesem Abend in der American Academy in Berlin-Wannsee das Vorurteil, dass Naturwissenschaftler nüchterne, berechnende Typen mit wenig Sinn für Kultur seien.

Die Ursache von Blobels Zorn trägt den unverfänglichen Namen Waldschlösschenbrücke und ist eine 24 Meter breite, vierspurige Rollbahn, die den Verkehr über die anderen Brücken Dresdens entlasten soll. Die Brücke führt durch das idyllische Dresdner Elbtal, der Streit über das Vorhaben entzweit die Bürger.

Blobel, der in die USA ausgewanderte Nobelpreisträger, ist ein erbitterter Gegner des Brückenbaus. Und vermutlich einer der einflussreichsten. Seit er als schlesisches Flüchtlingskind den Untergang der Stadt im Februar 1945 aus der Ferne miterleben musste, hat der Mediziner eine tiefe Beziehung zu Dresden. Die gesamte Summe seines Nobelpreises stiftete er für den Wiederaufbau der Frauenkirche und den Bau einer neuen Synagoge.

„CellKultur“ lautet das Motto, unter das Blobel seinen Vortrag in der American Academy gestellt hat. Und der ist zweigeteilt, wie das Leben des Forschers, wie seine Leidenschaft für Wissenschaft und Kunst. Zunächst spricht der 72-Jährige mit dem dichten weißen Haar und der dunklen Fliege über sein eigentliches Metier, die Zellforschung. Blobel beginnt mit dem Zitat des Berliner Pathologen Rudolf Virchow, dass jede Zelle aus einer Zelle entstanden ist. Alles Leben auf der Erde entstammt einer „Urzelle“, deren Nachkommen sich seit vier Milliarden Jahren unablässig teilen. „Jeder von uns ist vier Milliarden Jahre alt“, stellt Blobel fest. Man könnte auch sagen: Die ganze Erde ist eine einzige große „Zellkultur“.

„Vignetten“ nennt Blobel die Filmaufnahmen aus dem Leben der Zellen, die er dem staunenden Publikum vorführt. Da ist ein weißes Blutkörperchen, das wie ein schleimiges Monster Jagd auf einen kleinen Bakterienhaufen macht und ihn schließlich verschlingt. „In und auf unserem Körper leben zehnmal so viele Bakterien, wie wir Zellen haben“, sagt Blobel.

Am beeindruckendsten ist die Computeranimation einer Bakteriengeißel. Der peitschenförmige Fortsatz der Mikrobe besteht aus Tausenden von Proteinen, angetrieben wird er von einem Nanomotor, einer biologischen, von Wasserstoff angetriebenen Maschine.

Dann wechselt Blobel von der englischen in die deutsche Sprache, statt der Computersimulationen zeigt er nun ein altes Schwarz-Weiß-Foto: die Elbwiesen mit weidenden Schafen, dahinter die Silhouette des unzerstörten Dresden. Deutschland dürfe nicht zu einem „Highway-System“ zwischen Polen und Frankreich werden, sagt Blobel. Der Brückenbau gefährde das Elysium der Elbwiesen. Und er zitiert den ehemaligen sächsischen Landeskonservator Heinrich Magirius: „Was die steinerne Glocke der Frauenkirche zum Schwingen bringt, ist die Weite der Flusslandschaft.“

Die Brückenbauarbeiten haben im November 2007 begonnen. Am 3. Juli will die Unesco darüber entscheiden, ob Dresden der Titel des Welterbes aberkannt wird. Hartmut Wewetzer

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