Waldsieversdorf : Kahlschlag im Forstinstitut

Das Forschungszentrum in Waldsieversdorf soll geschlossen werden. Eine fast 80-jährige Tradition wäre damit beendet.

Philipp Lichterbeck

Waldsieversdorf - Etwas versteckt im Wald der Märkischen Schweiz, nur ein kleines Schild weist an der Landstraße darauf hin, liegt das Reich von Dietrich Ewald. Es ist ein Reich voller Bäume und Wälder, und es ist ein Reich, das bald untergehen könnte. Denn das Institut für Forstgenetik und Forstpflanzenzüchtung in Waldsieversdorf zwischen Müncheberg und Strausberg soll geschlossen werden. So hat es das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) entschieden. Eine fast 80-jährige Tradition würde damit beendet, die, simpel ausgedrückt, in der Züchtung und Erforschung von Bäumen besteht. Dass an dem Entschluss nicht zu rütteln sei, heißt es aus dem Ministerium. Er sei Teil der bundesweiten Neuordnung der Forschungsanstalten. Und das Institut in Waldsieversdorf sei schließlich nur einer von 14 Standorten, der dran glauben müsste.

Aber Dietrich Ewald, der Standortleiter, seine 23 Mitarbeiter und vier Azubis wollen das nicht wahrhaben. Ewald führt gewichtige Gründe ins Feld: „Der Klimawandel wird sich hier im nordostdeutschen Tiefland extrem auswirken. Hier züchten wir die Baumarten, die sich langen Trockenperioden anpassen können“, sagt er. In Jeans und Trekkingschuhen steht der 54-jährige Biologe vor dem Hauptgebäude seiner Einrichtung. Es ist ein dreigeschossiger Plattenbau aus DDR-Zeiten, umgeben von Gewächshäusern, Bäumen und Sträuchern. Seit 1982 arbeitet Ewald hier, seit 1998 ist er Standortleiter. Aber die Wurzeln des Instituts reichen bis in die 1920er Jahre zurück. Damals begann man im benachbarten Müncheberg, Forstpflanzen zu züchten. Nach dem Krieg eröffnete dann 1946 das Institut in Waldsieversdorf. Kaum war die Mauer gefallen, gliederte man es der Bundesforschungsanstalt für Forst und Holzwirtschaft (BFH) an und fusionierte es 1998 mit einem ähnlichen Institut in Großhansdorf bei Hamburg. Und dort, in Großhansdorf, soll nun nach der Umstrukturierung die gesamte Forschung konzentriert werden. In Waldsieversdorf sagen sie deshalb hinter vorgehaltener Hand, dass die Forschungsgelder wieder mal in den Westen gingen.

Was Ewald aber viel mehr ärgert, ist die „fehlende sachliche Begründung“ für die Schließung. „Es wird behauptet, man könne in Waldsieversdorf nicht hochkarätig forschen“, sagt er. „Dabei kooperieren wir mit den Berliner Universitäten und haben Wissenschaftler aus aller Welt bei uns.“

Ewald führt mit seiner Kollegin Heike Liesebach – sie beschäftigt sich mit Baumgenetik – durch kühle Kulturenräume, in denen Dutzende daumenhohe Bäumchen in kleinen Glasgefäßen angezüchtet werden. Sie schreiten vor dem Institut durch Versuchsanlagen unter Planen und über Felder. Euphorisch schildern sie ihre Arbeit, die sich auf mehr als Hundert Versuchsflächen in ganz Deutschland verteilt. Sie reden von den Züchtungserfolgen mit der Robinie, einem schnell wachsenden und dennoch äußerst hochwertigen Baum, dessen Holz als Tropenholzersatz dienen könnte; sie berichten, wie sie mit chinesischen Forschern genetisch veränderte Pappeln studieren oder wie sie gegen Baumkrankheiten zu Felde ziehen. Ewald klopft gegen eine knorrige Birke. „Die habe ich vor 25 Jahren gepflanzt“, sagt er. „Wir wollen nicht aufgeben.“

Das sehen nun auch einige Politiker aus der Region so. Renate Adolph (Linke), die für den Kreis Märkisch-Oderland im Potsdamer Landtag sitzt, wirft der Landesregierung vor, sich bei Landwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) nicht für den Erhalt des Instituts einzusetzen: „Im Gegensatz zu seinen Länderkollegen, die für ihre Einrichtungen streiten, hat unser Landwirtschaftsminister Dietmar Woidke keinen Ton gesagt“, wettert Adolph. Überraschenderweise möchte man im Haus des SPD-Ministers gar nicht widersprechen. Ministeriumssprecher Jens-Uwe Schade richtet knapp aus: „Das Ende von Waldsieversdorf hat der Bund entschieden.“ Und er fügt an, dass Brandenburg bei der Neuordnung der Ressortforschung insgesamt gut abschneide. So komme die Bundesanstalt für Risikoforschung mit 60 Arbeitsplätzen nach Neuruppin. Das bedeute einen Zuwachs an Arbeitsplätzen.

Das Desinteresse im Hause Woidke hängt aber wahrscheinlich auch mit dem neuerlichen Engagement des Bundes zusammen. Dort wird jetzt laut darüber nachgedacht, Waldsieversdorf an das wenige Kilometer entfernte Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (Zalf) in Müncheberg anzugliedern. Die Bundestagsabgeordnete für Märkisch- Oderland, Petra Bierwirth (SPD), hat sich als Vorsitzende des Umweltausschusses für diese Idee stark gemacht. Sie „würde gerne das wissenschaftliche Potenzial halten“, sagt sie. Auch als ein Standort des zukünftigen deutschen Biomasseforschungszentrums könne sie sich Waldsieversdorf vorstellen. Darin soll erforscht werden, mit welchen Rohstoffen – also auch Holz – am besten Energie zu gewinnen ist.

Dietrich Ewald würde den Rettungsangeboten sofort zustimmen. Doch solange nichts entschieden ist, bleibt ihm wenig übrig, als sich an den Martin Luther zugeschriebenen Spruch an der Eingangstür seines Instituts zu halten: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Philipp Lichterbeck

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