Wallraffiade : Allein unter Männern

Norah Vincent kündigt ihren Job und gibt sich 18 Monate lang als Mann aus. Sie erlebt Gewalt, Schwäche und Freundschaft und sieht ihr eigenes Geschlecht nun mit anderen Augen. Am Ende bricht sie zusammen.

Ines Bellinger[dpa]

HamburgDiesen Jüngling mit den zarten Gesichtszügen, dem perfektem Bürstenhaarschnitt und der gepflegten Kleidung würden die meisten Frauen wohl als Weichei abtun. Nicht ahnend, dass Ned eigentlich Norah ist, also eine von ihnen. Die amerikanische Journalistin Norah Vincent wollte herausfinden, wie Männer ticken und recherchierte 18 Monate in perfekter Verkleidung als Bowlingkumpel, Klosterbruder, Liebhaber und Vertreter. "Enthüllungen - Mein Jahr als Mann" war für die "New York Times" das Buch des Jahres 2006 - ein Bericht über einen grenzwertigen Selbsterfahrungstrip, an dessen Ende die Autorin einen Nervenzusammenbruch erleidet.

Norah Vincent gab ihre Stelle als Kolumnistin bei der "Los Angeles Times" auf, um in fremder Haut zu recherchieren. Männliche Verhaltensmuster sind der New Yorkerin nicht fremd. Sie ist lesbisch und hat das Buch ihrer "geliebten Frau" gewidmet. Aber keine Angst, es folgt keine klischeebeladene Abrechnung mit dem "starken Geschlecht". Mit strenger Brille, künstlichen Bartstoppeln, Gummi- Penis zwischen den Beinen und einem zu kleinen Sport-BH, der ihr die Brüste flachpresst, verwandelt sich die maskuline Norah in den femininen Ned und erfährt, wie unsicher sich Männer fühlen können, die nicht das verkörpern, was Frauen gemeinhin von ihnen erwarten. Oft nüchtern-analytisch, mitunter aber auch mitfühlend-besorgt schreibt die Autorin über ihre Beobachtungen.

Herzlicher als alles, was sie mit Frauen erlebt hat

Sie erlebt Männer in Gesellschaft von Frauen abwechselnd gewaltbereit und machtlos, unter ihresgleichen hingegen oft bitter und infantil, der Erlaubnis entzogen, auch mal schwach zu sein oder scheitern zu dürfen. Wenn Norah Vincent zu dem Schluss kommt "Die Rüstung jedes Mannes ist geborgt und zehn Nummern zu groß, und darunter ist er nackt und unsicher und hofft, dass niemand es sieht", so ist das nicht als Anklage zu verstehen. In gleichem Maße wie sie durch ein Fenster in eine ihr sonst verborgene Welt blickt, bekommt sie selbst den Spiegel vorgehalten.

Schon der erste Händedruck im Bowlingclub ist für Norah alias Ned herzlicher als alles, was sie mit fremden Frauen erlebt hat. Und während Ned bei seinem Streifzug durch diverse Sexetablissements nur "tiefes Mitleid" für die triebhaften Zwänge der Männer empfindet, gerät sein Versuch, mit Frauen zu flirten, zur Demütigung. Als "Lektion in weiblicher Machtausübung" bezeichnet Norah diese Erlebnisse. "Ich sah mein eigenes Geschlecht von der anderen Seite und empfand deshalb eine Weile eine irrationale Abneigung gegen Frauen. Ich hatte etwas gegen ihre Überheblichkeit, ihr anklagendes Lächeln, ihre Berechtigung, mich mit einem Fingerzeig auszuwählen oder abzuservieren." Im Vergleich dazu kam ihr die männliche Macht wie "eine ziemlich stumpfe Waffe" vor.

Viel leichter, Frauen kennenzulernen

Als Außendienstler in einem gnadenlosen Konkurrenzkampf entdeckt Ned später, dass der größte Vorteil, den Männer heute noch besitzen, wohl rein mentaler Natur ist. Liegt es daran, dass sehr viel von dem, was sich emotional zwischen Männern abspielt, nicht ausgesprochen wird? Der Verlust emotionaler Freiheiten quält Norah auch während ihrer Zeit im Mönchskloster.

Das Leben im Männerkostüm hat für Norah Vincent aber auch reizvolle Seiten. Sie lernt sehr viel leichter Frauen kennen und kann der Verlockung eines Seitensprungs schließlich nicht widerstehen. Und es kommt noch schlimmer: Im Camp einer Selbsthilfegruppe verlangt sie von einem Mann, sie mit einem Messer zu verletzen. Erschrocken blickt sie in die Abgründe einer Persönlichkeit, die nicht einmal auf dem Papier existiert.

Offenbarung vor den Opfern

Unter der Last ihrer Schuldgefühle und Ängste bricht ihre Psyche zusammen, und sie weist sich in eine Klinik ein. Doch sie bleibt dabei: Hochstapelei und Vertrauensbruch waren notwendig für dieses Experiment. Letztendlich habe sie "einen höheren emotionalen Preis für meine notwendigen Täuschungen gezahlt" als alle Testpersonen, "Strafe genug für meine Missetat".

Im Nachhinein hat sich Norah Vincent fast allen ihren Opfern offenbart. Alle waren überrascht, die meisten haben ihr verziehen, mit einigen hält sie noch Kontakt. Enthüllt hat sie nichts, doch sie liefert viele Erklärungen. Es ist ein Buch, aus dem vor allem Frauen lernen können. Doch wohl jede Leserin wird der Autorin folgen, wenn sie resümiert: "Ich bleibe mittlerweile das, was ich bin: zufrieden, stolz, frei und in jeder Hinsicht froh, eine Frau zu sein."

Norah Vincent: Enthüllungen, Droemer Verlag München, 384 S., 19,90 Euro, ISBN 978-3-426-27415-6