Wangerooge : Alle Mann am Strand

Auf Wangerooge wartet Badespaß – und Kriegsgeschichte. Aus Bombenkratern sind Biotope geworden.

Hella Kaiser
Wangerooge
Fuß in der Brandung. Wer jetzt schon in der Nordsee untertauchen will, muss abgehärtet sein. -Foto: Hella Kaiser

Langsam kriecht der Zug vorwärts – und nun stoppt er, mitten in den Salzwiesen. Warum? „Da sitzt ein Frosch auf den Gleisen“, ulkt ein Passagier. Könnte durchaus möglich sein. Denn im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer haben Tiere absoluten Vorrang. Und Wangerooge, die östlichste der sieben dauerhaft bewohnten Ostfriesischen Inseln, ist ein Teil davon. Wer hier mit der Fähre im Westen angekommen ist, steigt in den wartenden Zug der Deutschen Bahn und zuckelt mit ihm gemächlich zum Inseldorf. Während der knapp viertelstündigen Fahrt ist vor allem Gefiedertes zu bewundern. „Säbelschnäbler, Löffler, Brachvogel, Austernfischer, alles da“, freut sich ein Reisender.

Vom Bahnhof aus zieht sich die Zedeliusstraße, Bummelmeile des Dorfs, bis hinauf zum Strand. „Wir raten den Gästen immer, auf dem Trottoir zu bleiben“, sagt der örtliche Touristik-Chef Christian Pollmann und seufzt: „Aber nur wenige halten sich daran.“ Kein Wunder, diese Insel ist autofrei. Aber dann und wann schnurre eben ein Elektrogefährt heran, und Radfahrer wollten schließlich auch vorbei. Sogar die Jüngeren treten hier indes nur verhalten in die Pedale. Das Tempo von Wangerooge ist gemütlich – und steckt alle an.

Am Ende der Zedeliusstraße thront das runde Café Pudding auf einer Düne oberhalb des Strandes. Trutzig wirkt das Gebäude, trotz der großen Panoramascheiben. In den fünfziger Jahren hatte man die Öffnungen in den meterdicken Beton des Bunkers geschlagen, der hier seit dem Zweiten Weltkrieg stand. Fast die gesamte, rund fünf Quadratkilometer große Insel glich damals einem Bollwerk, das die Jademündung mit dem kriegswichtigen Hafen Wilhelmshaven schützen sollte. Stellungen für Flak und Artillerie gab es, und rund hundert Bunker. Genützt hat es nichts. Am 25. April 1945 wurden die meisten Häuser der Insel in Schutt und Asche gelegt, 300 Menschen starben. „Die Alliierten warfen in 15 Minuten alles ab, was sie zur Verfügung hatten“, erzählt Inselführer Friedrich-Wilhelm Petrus.

Zahllose kreisrunde Löcher haben die Bomben in die hügelige Heidelandschaft im Inselinneren gerissen. Über die Jahrzehnte hat sich Süßwasser in ihnen gesammelt, und sie sind zu Biotopen geworden. „Nun haben wir Vogel- und Insektenarten, die es auf den anderen Ostfriesischen Inseln gar nicht gibt“, sagt Petrus zufrieden. Nur die karminrote Kartoffelrose, die überall hier wuchert, macht ihm Sorge. Soldaten mussten sie einst pflanzen, um die Bunker zu tarnen. „Wo diese Blumen wachsen, kann nichts anderes mehr gedeihen“, bedauert der Inselführer. Aber schön sind sie doch.

Auf verschlungenen Pfaden kann man hier wandern, oft mutterseelenallein. Sogar in der Hochsaison. Denn die meisten Gäste zieht es nur ans Meer. 1300 Strandkörbe in elegantem Weiß stehen am Bade- und Burgenstrand unterhalb der Promenade. Ein paar mehr hätten noch Platz, aber, sagt Bürgermeister Holger Kohls: „Wir wollen nicht, dass die Leute sich hier drängeln müssen.“ Nicht so, wie die Schiffe dort draußen im Meer. Parallel zur Insel verlaufen gleich drei wichtige Schifffahrtsrouten: der Elbe-Schifffahrtsweg, die Weserroute und – am nächsten zur Insel – das Jadefahrwasser. „Alle Güter, die per Schiff importiert werden, kommen hier vorbei“, sagt Pollmann. Auch ohne Fernglas kann man die Namen der Containerriesen entziffern und hofft insgeheim auf sicheres Lotsengeleit.

Reetgedeckte Häuser oder gar noble Bäderarchitektur finden sich nicht auf Wangerooge. Die meisten Gebäude des Ortes sind in den 1960er bis 80er Jahren ohne architektonischen Anspruch entstanden. Dagegen wirkt das Vier-Sterne-Hotel Upstalsboom, 1891 als Strandhotel Gerken direkt an der Promenade entstanden, wie eine seltene Perle. Behutsam wurde das erste Haus am Platze in den vergangenen Jahren restauriert, und es ist sogar zu vertreten, dass noch eine Etage draufgesetzt wurde. Und die Betonkästen rechts und links davon? Übermäßig hoch sind sie nicht, aber ziemlich hässlich. „Die sind in Privatbesitz, und wir können sie nicht einfach abreißen“, sagt Bürgermeister Kohls. Im östlichen Teil der Promenade aber hat die Modernisierung begonnen. Einst billig hingezimmerte Flachbauten werden verschwinden, der Bau eines Hotels der gehobenen Kategorie ist seit längerem ausgeschrieben.

Vor kurzem hat im Dorf, in der restaurierten „Villa im Park“, ein 64-Betten-Hotel eröffnet, in dem die Gäste „all-inclusive“ versorgt werden. „Manchen Urlaubern gefällt das, weil sie dadurch die Gesamtkosten der Ferien besser kalkulieren können“, sagt Pollmann. Schule machen wird dieses Konzept auf Wangerooge wohl nicht. Zu verlockend sind die Fischgerichte im Restaurant Kruse, die Bratkartoffeln in der urigen Teestube („jedes Mittagessen mit Gratiseisbecher“) und ein Steak im Café Pudding, am Abend, wenn die Sonne theatralisch ins Meer plumpst.

120 000 Urlauber zählt Wangerooge im Durchschnitt pro Jahr. „Die Hälfte davon sind Stammgäste“, sagt Kohls stolz. Etliche Erwachsene seien schon als Kinder auf der Insel zu Besuch gewesen. Schließlich gibt es hier acht Schullandheime – und den Westturm als eine der wohl spektakulärsten Jugendherbergen Deutschlands. Acht Stockwerke hoch ist das wuchtige, quadratische Gebäude, das dieser Tage seinen 75. Geburtstag feiert. Als Seezeichen taugt dieses Insel-Wahrzeichen allerdings nicht mehr. Ebenso wenig wie der Alte Leuchtturm im Dorf, der heute das Inselmuseum beherbergt. Wenig pittoresk, sondern schlicht funktional erhebt sich hinter den Dünen im Westen der Insel der neue Leuchtturm. Alle 4,9 Sekunden sendet das Leuchtfeuer in der 64 Meter hohen Spitze einen roten Blitz übers Meer. Seine Reichweite soll mehr als 56 Kilometer betragen.

Bürgermeister Kohls muss sich um die Zukunft seiner Insel keine Sorgen machen. Auch wenn wohl im kommenden Winter die Nordsee – wie in jedem Jahr – wieder den Burgenstrand verschlingen wird. „Manchmal reicht eine einzige stürmische Nacht“, sagt Kohls. Das Meer nimmt den Strand mit sich fort und spült ihn im Osten der Insel an. Von dort wird er in jedem Frühjahr wieder auf Transporter geladen und erneut an der Promenade aufgeschüttet. Rund 360 000 Euro kostet das durchschnittlich in jeder Saison. Kohls seufzt und sagt: „Wir haben keine Alternative.“

Statistisch betrachtet scheint die Sonne durchschnittlich 1670 Stunden über Wangerooge, deutlich mehr als insgesamt in Deutschland. Aber manchmal regnet es eben auch. Und was macht der Urlauber dann? Er geht ins Kino. Im ehemaligen Ballsaal des 1904 erbauten Hotel Hanken ist es untergebracht. Parkettboden, türkisblaue Samtsessel, nachtblaue Decke. Vor den Sitzreihen ist jeweils ein Ablagebrett angeschraubt, wo Popcorntüten und Limonadenflaschen abgestellt werden können. Täglich wechselt das Programm. Die neuen Streifen gelangen mit dem Inselflieger her.

Der Gast kann also wählen, ob er mit der tideabhängigen Fähre zurückschippert oder der kleinsten ostfriesischen Insel zum Abschied von oben winken will. Mehrmals täglich hebt der kleine Brummer im Osten Wangerooges in Richtung Festland ab. Am niedlichen Flughafen, der hier bescheiden „Verkehrslandeplatz“ heißt, gibt es sogar ein Hotel nebst einem Towerstübchen.

Nur neun Passagiere passen in das winzige Propellermaschinchen vom Typ Britten Norman BN 2 „Islander“. Die sehen unten das Wattenmeer schimmern, dessen wundersame krabbelnde Bewohner man gestern noch – in Gummistiefeln – bestaunt hat. Fünf Minuten dauert der Sightseeing-Hüpfer von Wangerooge nach Harlesiel. Dort auf dem Parkplatz wartet das Auto, man steigt ein – und fremdelt. Was soll man in der lauten, geschäftigen Welt? Die ruhige Insel wirkt lange nach. Und hat sich klammheimlich wieder einen Stammgast erobert.

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