Der Tagesspiegel : Warum ist bloß der Rhein so fern?

Man musste schon ein Narr sein, um bei dem Schmuddelwetter gestern den Karnevalauftakt nicht zu verpassen. Ralf (46) und Marina (47) waren früh aufgestanden, um pünktlich um 11.11 Uhr in der „Ständigen Vertretung“ (StäV) am Schiffbauerdamm einzutreffen. Dort, im Kneipenasyl für Bonner, andere Rheinländer und vor allem Touristen, wollte der aus Mönchengladbach stammende Ralf seiner Berliner Freundin den Rheinischen Karneval nahebringen. Doch, oh Schreck, in der nur knapp zur Hälfte gefüllten StäV knallten keine Korken. Weil es wegen der Karnevalsfeiern immer Ärger mit einem Mieter gab und weil die Narren an der Spree immer mehr werden, wurde die große Fete, wie schon im letzten Jahr, 500 Meter weiter in die „Mensa-Nord“ in der Reinhardtstraße verlegt.

Dort war dann aber alles fast genauso schön wie am Rhein: das Kölsch floss in Strömen und der DJ legte eine Karnevalsschnulze nach der anderen auf. Und während die Berliner Narren, angeführt von Prinzenpaar Martin und Gerti, das Rote Rathaus stürmten und die – ja ohnehin leere – Stadtkasse mitgehen ließen, sangen, tranken, tanzten und küssten sich in der „Mensa-Nord“ Hexen, Zauberer und Cowboys langsam warm. Drei Marilyn Monroes spitzen synchron die Schmollmünder und ließen alle Piraten und Vopos an ihrem Tisch tief blicken. Von der Großleinwand grüßten die Jecken aus Düsseldorf. Eine schätzungsweise 50-jährige Pippi Langstrumpf bohrte ihren rechten Zopf dem Tischnachbarn ins Ohr. Und wer gar kein Kostüm hatte, konnte sich ein Paar auf dem Kopf wippende Bienenfühler für sechs Euro kaufen und das graue Novemberwetter draußen ebenso vergessen wie den Mythos von den karnevalsfeindlichen Berlinern. Sollte es die tatsächlich noch geben, bleibt ihnen ein Trost. Die diesjährige Session ist ausgesprochen kurz: Schon am 6. Februar ist alles vorbei. das

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