WAS ist drin? : So nisten sich Bakterien in Mandeln ein

Mandeln entzünden sich leicht. Meist sind daran Streptokokken schuld.

Björn Rosen

Die Mandeln sind der erste Berührungspunkt unseres Immunsystems mit fremden Stoffen, die über die Nahrung oder die Luft in den Körper gelangen. Entsprechend leicht können sie sich entzünden. Manchmal tragen daran Viren Schuld. Meist sind die Krankheitserreger aber Streptokokken – kugelförmige Bakterien, die sich in einer Kette aufreihen. Genauer: Streptokokken der Gruppe A, denn diese fühlen sich im Rachenraum ganz besonders wohl. Wenn sie eine Infektion auslösen, kommen oft noch mehr als zehn andere Bakterienspezies als „Trittbrettfahrer“ hinzu. In der zerklüfteten Oberfläche der Mandeln haben sie beste Chancen, sich einzunisten.

Untersuchungen zeigen, dass sich Streptokokken auch auf der Haut und im Körper gesunder Menschen finden, zum Beispiel im Mund oder in der Scheide. „Wahrscheinlich brauchen wir Streptokokken sogar, so wie wir auch auf andere Bakterien – etwa im Darm – angewiesen sind“, sagt Önder Göktas, Oberarzt an der Charité. „Normalerweise kann das Immunystem sie gut in Schach halten.“ Sind die Abwehrkräfte geschwächt, werden die Bakterien dagegen zur Gefahr. Kinder und ältere Menschen sind daher besonders anfällig für eine akute Mandelentzündung (auch Angina oder Tonsillitis genannt). Eine Streptokokkeninfektion kann auch in Folge einer Virusinfektion entstehen, die die Immunabwehr bereits stark gefordert hat.

Typische Symptome einer Mandelentzündung sind Kopf-, Hals- und manchmal auch Ohrenschmerzen. Um welche Erreger es sich handelt, ist für die Ärzte meist leicht zu erkennen: „Anders als bei Viren bildet sich beim Befall durch Bakterien Eiter“, sagt Hals-Nasen-Ohren-Arzt Göktas. Außerdem ist bei einer bakteriellen Infektion das Fieber höher. Absolute Sicherheit über die Ursache bringt aber erst ein Rachenabstrich.

Besonders Kinder sollten bei einer Streptokokkeninfektion Antibiotika einnehmen. Und das nicht nur für drei Tage, bis es einem wieder besser geht. Sondern auf jeden Fall für rund eine Woche, so dass genug Bakterien getötet werden. Sonst besteht die Gefahr, dass sich Bakterienprodukte und abgestorbene Zellen im Gewebe sammeln. Und so eine ständige Entzündung ausgelöst wird, die wiederum für eine zunehmende Vernarbung und Zerklüftung der Mandeln sorgt – und die Situation so weiter verschlimmert.

Zweierlei macht die Streptokokken gefährlich. Zum einen können sich die Bakterien an das Protein Kollagen auf der Oberfläche vieler Zellen haften und damit dessen Struktur verändern. Die Folge: Das Immunsystem erkennt die Zellen nicht mehr, sondern hält sie für Eindringlinge – und bekämpft schließlich körpereigene Strukturen. Zum anderen produzieren Streptokokken Substanzen, die für den menschlichen Körper giftig sind. „Werden die Bakterien nicht rechtzeitig gestoppt, dann wandern sie in andere Teile des Körpers“, sagt Göktas. Dort lösen manche von ihnen mit ihren giftigen Stoffen das gefährliche rheumatische Fieber aus: eine Entzündung der Gelenke, der Haut oder des Herzens – letzteres kann später eine Herzklappenoperation nötig machen. Auch die Nieren können durch Streptokokken geschädigt werden.Björn Rosen

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