Was machen wir heute? : In Trümmern spielen

Verena Friederike Hasel

Über meinen Vater erzählt man sich eine Geschichte, von der keiner mehr so recht sagen kann, ob sie aus der Yucca-Palme stammt oder doch aus der Wirklichkeit. Es war in meiner Zeit als Ballerina, vier Jahre war ich damals alt, meist im Tutu anzutreffen und interessiert an allem, was rosa und niedlich war, als meine Mutter meinen Vater entsandt, mir ein Geschenk zu kaufen. „Geh, hol dem Kind was von Hello Kitty“, sagte sie, und mein Vater ging los, aus seinen Gedanken fort, in den nächsten Laden hinein, wanderte durch die Regale und suchte nach einer Warenentsprechung für den Kaufauftrag. Leider war seine Erinnerung an diesen nur schwach. Irgendwas mit Kitty sollte es sein, das wusste er noch und fand’s auch nicht abwegig, schließlich gab es eine Katze, und so kehrte er mit zwei Dosen Katzenfutter der Marke „Kitekat“ zum erwartungsvollen Mädchen im Tutu zurück.

An diese Geschichte musste ich denken, als ich neulich wieder einmal bei „Spielvogel“ war. „Spielvogel“ war das Land der tausend Möglichkeiten meiner Kindheit, hier kauften wir den gelben Springball, auf dem meine Schwester und ich hüpften, die Strickleiter zum Hochsitz und Utensilien für meine Kinderküche. Sie habe ich wiedererkannt bei meinem Besuch vor einigen Tagen, habe auch gedacht, dass das ein frühes Branding der Kinder ist, diese Miniaturanfertigungen von Maggi-Dosen und Persil-Tonnen. Aber ich habe meine kleine Küche geliebt, und ich mag den Laden noch immer.

1949 gegründet von einem Mann namens Vogel, muss er in seiner ersten Zeit ein einziges Trotzdem gewesen sein – ein Geschäft mit Kinderspielzeug mitten in den Trümmern West-Berlins. Wurde dann zur Attraktion, weil sich an der Außenwand vor der Scheibe ein Knopf befand, mit dem man die Eisenbahn im Innern in Gang setzen konnte. Ist heute die größte Spielzeugballung auf engem Raum, die ich kenne. Sogar ein Hello-Kitty-Portemonnaie habe ich entdeckt, und das in Zeiten, wo die Ballerinas Prinzessin Lillifee eindeutig bevorzugen. Verena Friederike Hasel

Spielvogel in der Uhlandstraße 137