Der Tagesspiegel : Wasser preisgekrönt

Die Naturfreunde Deutschlands wählten die Havel zum „Fluss des Jahres“ – weil sie durch die Ausbaupläne „Deutsche Einheit 17“ bedroht ist

Claus-Dieter Steyer

Fürstenberg. Sie ist 356 Kilometer lang, und an ihren Ufern gedeihen Pflanzen und Tierarten, die anderswo vom Aussterben bedroht sind: die Havel. Vor allem im nördlichen und nordwestlichen Brandenburg schwärmen Wassertouristen von der Schönheit und Vielfalt der Havellandschaft. Aber die ist bedroht. Deshalb haben die „Naturfreunde Deutschlands“ die Havel jetzt zum „Fluss des Jahres“ gekürt. Die Schirmherrschaft hat das Bundesumweltministerium.

Die preisgekrönten Vorgänger der Havel, die Gottleuba bei Dresden und der Ilz im Bayerischen Wald waren kleine Flussläufe, so dass die Ehre für die Havel doch überraschend kommt. Für die Auszeichnung haben die Brandenburger Mitglieder des Vereins gekämpft, denn „die Havel ist wie kaum ein anderer Strom Deutschlands in Gefahr“, sagt Helmut Horst, von den einheimischen „Naturfreunden Deutschlands“.

Sorgen bereitet den Havelfreunden das Projekt „Deutsche Einheit 17“, das den Ausbau der Wasserwege zwischen Wolfsburg, Magdeburg und Berlin für große Rheinschiffe vorsieht. Gerade für die Strecke zwischen Berlin, Potsdam und Brandenburg hätte dieser Eingriff gravierende Folgen für Flora und Fauna, sagt Horst. Gegen den Ausbau spricht seiner Meinung nach, dass alle Prognosen über den Bedarf an vertieften und verbreiterten Wasserstraßen von vor zehn Jahren nicht mehr gültig sind.

Auch die 240000 Mitglieder im Deutschen Anglerverband haben die Brandenburger Naturfreunde bei ihrem Einsatz für die Havel unterstützt. Das ganze Jahr über soll entlang des Flusses auf die Gefahren durch den geplanten Havel-Ausbau aufmerksam gemacht werden. Ein Höhepunkt ist das Wasserfest in Fürstenberg vom 9. bis 11. Juli.

„Da Brandenburg unter Trockenheit leidet, muss das wenige Wasser möglichst lange in der Landschaft gehalten werden“, sagt Helmut Horst. „Jeder Ausbau lässt das Wasser schneller abfließen.“ Schon daher müssten die Baupläne gestoppt werden. Sie sehen eine Vertiefung der Havel von jetzt 3,10 auf vier Meter vor. Die Verkehrsministerien des Bundes und des Landes haben das Vorhaben trotz der massiven Kritik von Umweltverbänden noch nicht aufgegeben.

Auch die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten befürchtet durch den höheren Wasserstand Schäden an Gebäuden in und um Potsdam. Im größten Teil ihres Weges vom mecklenburgischen Quellgebiet unweit der Müritz bis zur Mündung in die Elbe unterhalb von Havelberg hat der Fluss seinen durch die Eiszeit geprägten Verlauf noch bewahrt. Dieser mutet auf der Landkarte recht eigenartig an. Zunächst geht es von der Quelle bei Pieversdorf in südöstliche Richtung durch Mecklenburg und das nördliche Brandenburg. Nach einer großen Schleife nach Osten wird mit dem Schwielowsee in Werder der südlichste Punkt erreicht. Der Umweg über Berlin ist natürlich nicht umsonst. Hier nimmt sie die Spree auf, die 60 Prozent der durchschnittlichen Wassermenge liefert.

Nur 90 Kilometer Luftlinie liegen zwischen der Quelle und der Mündung. Auch das geringe Gefälle von 39 Metern macht die Havel zu einem ungewöhnlichen Fluss.

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