Der Tagesspiegel : Wassermangel im Spreewald: Die Kähne sitzen fast schon auf dem Trockenen

Claus-Dieter Steyer

Die Wetterkapriolen merkt der Spreewald-Besucher zuerst an seinen Schuhen. Selbst auf Pfaden abseits der großen Wanderwege zwischen den unzähligen Flussarmen bleiben die Füße in den ganz und gar nicht robusten Schuhen trocken. "Normalerweise müssten wir jetzt Gummistiefel tragen", sagt Manfred Werban, Verwaltungschef des 80 Kilometer südöstlich Berlins gelegenen und fast 475 Quadratkilometer großen Biosphärenreservates. "Auf das übliche Frühjahrshochwasser müssen wir wohl diesmal verzichten." Im Unterschied zu den Wanderern kann der Naturwissenschaftler über diesen Zustand nicht gerade frohlocken. "Wir brauchen dringend Wasser, möglichst viel und lange".

Waren also die Schlagzeilen der vergangenen Jahre, wonach die einzigartige Lagunenlandschaft austrocknen und die Spree rückwärts laufen könnte, nicht nur ein überspitztes Horrorszenario? Manfred Werban beruhigt. Ganz so schlimm sei die aktuelle Lage nicht. Aber er zeigt bei einem Spaziergang auf einem Naturlehrpfad am Rande von Schlepzig im Unterspreewald auf die Bäume rechts und links. "Die Esche verdrängt immer mehr die einst typische Erle." Das sei der beste Beweis für den Rückgang der Feuchtigkeit im Boden.

Wie alte Fotos zeigen, stand vor einigen Jahrzehnten das Wasser zu dieser Jahreszeit noch einige Zentimeter hoch auf den Wiesen und in den Wäldern. "Der Grundwasserstand ist um 40 bis 100 Zentimeter zurückgegangen", sagt Manfred Werban. Das wirke sich besonders auf die wertvollen Moorgebiete aus, die sich seit 1954 um die Hälfte reduziert hätten. Auch die Fährleute müssen sich mit ihren typischen Touristenkähnen umstellen. 40 Passagiere und mehr sind bei dem gesunkenen Pegel der Flussarme und Fließe viel zu schwer. Der Experte Manfred Werban sieht vor allem drei Ursachen für die Wasserprobleme im Spreewald: stark zurückgegangene Niederschlagsmengen gerade im Frühjahr und im Hochsommer, der zu schnelle Durchfluss der Spree in Richtung Berlin und die Sanierung der Tagebaue. In zehn bis 15 Jahren werden hier zahlreiche Seen zum Baden oder zu Dampferfahrten einladen. Das Wasser dafür kommt zum größten Teil aus der Spree. Noch vor zehn Jahren, als die vielen Braunkohlegruben in die Spree entwässert wurden, flossen 30 Kubikmeter Wasser pro Sekunde durch den Spreewald. Heute sind es nach Schließung der meisten Tagebaue lediglich zehn Kubikmeter oder weniger. Die versickern im ausgebaggerten und verbreiterten Flusslauf und in den einst zur Entwässerung angelegten Gräben. Ganz prekär war die Lage im vergangenen Sommer. Da sich in der nächsten Zeit die Niederschlagsmenge kaum vergrößern wird, sehen Experten nur eine Lösung für den Spreewald: Das kostbare Wasser muss länger in diesem Naturparadies gehalten werden. Ein vom Bundesumweltministerium aufgelegtes millionenschweres "Gewässerrandstreifenprojekt" soll den Wasserhaushalt stabilisieren. So werden ausgewählte Gräben renaturiert, und das Flussbett wird streckenweise verkleinert. Zusätzlich beginnt der Bau eines ganzen Systems aus Talsperren und Speicherbecken.

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