Der Tagesspiegel : Wasserretter schlagen Alarm

In Brandenburg ertrinken besonders viele Menschen in den Seen. Und die Kinder lernen weniger schwimmen

Sandra Dassler

Potsdam. Am Montag ertrank ein zwölfjähriges Mädchen im Mühlensee im Landkreis Oberhavel. Sie hatte offenbar versucht, ihren fünf Jahre jüngeren Bruder zu retten. Der wurde von einem anderen Badegast an Land gezogen und wartete dort vergeblich auf seine Schwester. Bereits am vergangenen Freitag war ein Siebenjähriger leblos aus dem Senftenberger See geborgen worden (der Tagesspiegel berichtete).

„Wir rechnen leider damit, dass die Zahl tödlicher Badeunfälle bei Kindern weiter steigen wird“ – Mitarbeiter der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) Brandenburgs hatten diese düstere Prognose schon zu Beginn des Sommers gestellt – als noch keiner ahnte, welch’ lange Hitzewelle dem Land bevorstand. Denn die Ursachen für Badeunfälle von Kindern liegen nach Ansicht von Brandenburgs DLRG-Chef Harold Wagner keineswegs nur am Traumsommer. Seit Jahren kämpft Wagner um mehr Unterstützung für die etwa 5000 Rettungsschwimmer im Land: „Das sind viel zu wenig, wenn man bedenkt, welch riesige Wasserflächen Brandenburg hat“, sagt er: „In Nordrhein-Westfalen beispielsweise sind es 170 000 Rettungsschwimmer, obwohl es da weniger Seen gibt. Wir haben immer wieder versucht, die Verantwortlichen für diese Problematik zu sensibilisieren. Erst vor wenigen Wochen war ich in allen Landtagsfraktionen. Die hören sich das an, aber sie handeln nicht. Dabei geht es doch um Menschenleben.“

Was Wagner am meisten aufregt, ist die Tatsache, dass sich die Krankenkassen nicht pauschal an den Einsätzen der Wasserretter beteiligen. Dieses Modell wird seit langem in anderen Bundesländern, beispielsweise in Baden-Württemberg, praktiziert. In Brandenburg gilt hingegen bislang der Grundsatz, dass die Kassen nur für die Versorgung am Ufer zahlen. „Das ist grotesk“, sagt Wagner: „Da liegt etwa einer mit einer Verletzung nach einem Unfall im Wasser, da muss eines unserer Boote hin, wir bergen den Mann, versorgen noch an Bord – also auf dem Wasser – seine Wunden, bekommen aber keine Mittel dafür.“

Der Wasserrettungsdienst, der sich zur Zeit fast nur aus Mitgliederbeiträgen und Spenden finanziert, kämpft aber auch gegen Gleichgültigkeit der meisten Städte und Landkreise. Die fühlen sich für Badeseen immer weniger verantwortlich, Geld für die Bewachung von Badestellen gibt es nur noch selten. Außerdem wurden in den vergangenen Jahren immer mehr städtische Bäder, in denen nicht nur die Kinder schwimmen lernten, sondern auch Lebensretter ausgebildet werden konnten, geschlossen. Oder in Spaßbäder umgewandelt, in denen man meist nicht schwimmen kann.

Diesen Zustand beklagt auch das brandenburgische Bildungsministerium. Zwar steht im Rahmenlehrplan, dass alle Kinder nach Beendigung der 3. Klasse schwimmen könnten sollten. Doch was nutzt der Plan, wenn kein Schwimmbad in der Nähe ist oder die Kommunen nicht die Kosten für den Transport der Schüler in entlegene Schwimmbäder übernehmen?

Jutta Schlüter vom Brandenburgischen Landkreistag wehrt sich gegen die Vorwürfe der Wasserretter: „Wir können bei der angespannten Haushaltslage nicht alle Wünsche der DLRG erfüllen.“ Sie widerspricht auch der Behauptung Wagners, wonach in Brandenburg im Verhältnis zur Bevölkerungszahl doppelt so viele Menschen ertrinken wie durchschnittlich in den alten Bundesländern. Aber die Statistik ist ohnehin ein Problem – im brandenburgischen Gesundheitsministerium werden die Badeunfälle nicht erfasst. So weiß keiner genau, wie viel Menschen in diesem Traumsommer im Land der tausend Seen bereits ertrunken sind.

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