Web 2.0-Firmen : Kompass für Laptop-Nomaden

Die Berliner Internetfirma Plazes begeistert mit ihrem Angebot aus Nutzer-generierten Inhalten selbst Internet-Ikonen aus den USA.

Oliver Voss
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Immer gut zu finden: Plazes-Gründer Stefan Kellner (li.) und Felix PetersenFoto: Promo

BerlinTelefonkabel ragen aus dem Parkettboden und Umzugskartons stehen herum. Im neuen Büro der Plazes AG mit Blick auf den Monbijoupark sieht es noch aus wie auf einer Baustelle. Vor zwei Wochen ist das Startup-Unternehmen nach Mitte gezogen, das alte Büro in der Kulturbrauerei wurde den 20 Mitarbeitern zu eng. Eine andere Baustelle ist dafür verschwunden: Die Internetseite Plazes.com gab es bisher nur als Test-Version, nun ist sie überarbeitet und offiziell gestartet.

Plazes gehört zu den angesagtesten Web2.0 Firmen, bei denen die Nutzer die Angebote selbst gestalten. Doch während Gemeinschaften wie MyVideo erfolgreiche amerikanische Vorbilder kopieren, ist Plazes ein Original aus Deutschland und dennoch in USA erfolgreich. Von dort kommt ein Drittel der Nutzer. Diese geben per Computer oder SMS an, wo sie sich gerade befinden. Diese „Plazes“ werden auf Karten angezeigt. Der Nutzer kann Bilder hinzufügen und die Orte bewerten. Wer mit seinem Laptop drahtlos ins Internet geht und die Plazes-Software installiert, dessen Standort wird sogar automatisch angezeigt.

„Ein Großteil unserer Kommunikation dreht sich darum, wo man gerade ist“, erklärt Plazes-Gründer Felix Petersen. Die Internetseite gibt die Antwort. Und sie zeigt auch, ob zufällig ein Bekannter in der Nähe ist. „Oft befindet man sich nur hundert Meter von einem Freund entfernt und läuft trotzdem aneinander vorbei“, sagt Petersen. „Wir geben dem Schicksal einen kleinen Schubs.“

Die Idee entstand vor drei Jahren, als Petersen und sein Mitgründer Stefan Kellner zusammen in Köln bei einer anderen Internetfirma arbeiteten. „Felix ist viel gereist und hat immer in seinem Blog mitgeteilt, wo er gerade ist“, erzählt Kellner. Er programmierte ein System, dass automatisch zeigte, wo Petersen sich gerade ins Netz einwählte. „Es gab viele Laptop- Nomaden, die das auch benutzen wollten“, sagt Kellner. Also gründeten sie im Januar 2006 die Plazes AG. Im Silicon Valley fanden Kellner und Petersen prominente Förderer, darunter den Netscape- Gründer Marc Andreesen. So sammelten sie ihr erste Million Euro Startkapital ein.

Im Februar 2007 bekam Plazes weitere 2,7 Millionen Euro von dem Risikokapitalgeber Doughty Hanson Technology Ventures. Mit der Kapitalspritze soll das System weiter ausgebaut werden, demnächst kann man auch per E-Mail oder mit Messenger-Programmen seinen Standort mitteilen. Neu ist schon jetzt, dass die Nutzer auch schreiben können, was sie gerade machen.

Mit dem frischen Kapital sei auch die Finanzierung über das Jahr hinaus gesichert, sagt Kellner. Denn über die Internetseite kommen bisher keine Einnahmen. „Wir wollen noch in diesem Jahr anfangen, Geld zu verdienen“, sagt Petersen. Es gebe großes Interesse von Werbevermarktern. Derzeit befindet sich Plazes noch in Verhandlungen, im kommenden Halbjahr sollen erste Versuche starten. Ortsbezogene Werbung ist ein Zukunftsmarkt, schon jetzt variieren Online-Anzeigen je nachdem wo sich der Nutzer einwählt. Noch genauere Standortinformationen sind für die Werber hochinteressant, doch geeignete Vermarktungsformen fehlen derzeit. Das Unternehmen überlegt auch, bestimmte Funktionen kostenpflichtig zu machen. Eine weitere Option wäre der Verkauf des Unternehmens. „Angebote sind immer da“, bestätigt Petersen. Doch man baue das Unternehmen nicht auf, um schnellstmöglich zu verkaufen. „Wenn es funktioniert und sich selbst trägt, kann es aber ein Übernahmekandidat sein.“

Entscheidend ist, ob Plazes genug Nutzer gewinnt. Ab einer halben Million könne die Seite wirtschaftlich erfolgreich sein, schätzt Kellner. Derzeit nutzen etwa 60 000 Leute Plazes. Darunter finden sich auch prominente Namen: Wikipedia- Gründer Jimmy Wales, Dr. Motte, der Erfinder der Love Parade, und sogar der Regierende Bürgermeister. Klaus Wowereits Ausflug ins Web2.0 ist allerdings schon wieder vorbei, es war nur eine Marketing-Aktion während seiner Reise nach New York im Mai.

Zu einem Problem bei Plazes könnte jedoch der Datenschutz und die Sicherheit werden. Die Nutzer veröffentlichen oft ihre Privatadressen. Eine Einladung an Diebe, die ja auch sehen können, wo der Bewohner gerade weilt. „Im Telefonbuch sind viel mehr Adressen“, wiegelt Petersen ab. Er werde seinen Wohnort auch dann noch veröffentlichen, wenn er nach einem möglichen Verkauf Millionär werden sollte. Zudem gebe es auf der anderen Seite auch ein Sicherheitsgefühl, wenn Leute wissen, wo man gerade ist. So musste Petersen sich immer bei seiner Mutter melden, wenn er auf Reisen war. „Jetzt guckt sie bei Plazes.“