Der Tagesspiegel : Weiße Nächte
11.02.2012 00:00 UhrIn der Mitte, wo andere den Kompromiss vermuten, sieht Jakob Mattner eine schwarze Scheibe. So dunkel, dass sie selbst noch das Licht schluckt und die sogenannte Hohlwelt-Lehre ein bisschen absurd erscheinen lässt: Unter dieser nächtlichen Fläche möchte niemand leben.
Doch Mattner betrachtet die utopische Theorie aus dem 19. Jahrhundert mehr unter skulpturalen Aspekten. Die Vorstellung von der menschlichen Existenz innerhalb einer Kugel, in der auch Sonne und Sterne untergebracht sind, während die Unendlichkeit draußen bleibt, macht alles Sichtbare zu geometrischen Körpern. Zu einem Universum, das sich klappen, segmentieren, schneiden oder spalten lässt.
Und genau dies hat der Berliner Künstler in seiner Arbeit der siebziger Jahre getan.
Vier Jahrzehnte später erinnert die Ausstellung „70s Works“ in der Galerie 401 Contemporary an Mattners Anfänge, die ihm selbst nicht mehr geläufig waren. 1980, nach einem Stipendium in der Villa Romana in Florenz, verpackte er die mit Ruß geschwärzten Zeichnungen und Skulpturen (Preise: 2500-20 000 Euro) und widmete sich anderen Dingen. Aus Licht gebauten Skulpturen etwa, wie man sie bis heute von ihm kennt. „Percussion IV“ von 1988 zählt zu den Beispielen, in denen die ästhetische Konstruktion aus Spiegeln und Stativen ebenso wichtig ist wie jene ephemeren Konstellationen, die sie an die Zimmerwand projizieren und die sich je nach Tageszeit und Wetter kontinuierlich verändern. Aus den hellen und dunklen Körpern, die sich zuvor scharf voneinander abgrenzten, ist jenes Zwielicht erwachsen, das den 1946 geborenen Künstler bis heute fasziniert.
Die sehenswerte Ausstellung stellt allerdings nicht nur die individuelle Verbindung in die Vergangenheit her. Sie leitet Mattners aktuelle Arbeit auch aus jener spezifischen Situation ab, die er Ende der sechziger Jahre in Berlin vorfand – einer von allen Trends abgeschotteten Stadt, die mit dem Pop-Art-Enthusiasmus, wie er das Rheinland erfasste, wenig anfangen konnte. Stattdessen blickte man gen Osten, orientierte sich an seinen konstruktivistischen Traditionen und arbeitete mit formaler Strenge an den Themen der Zeit. Das spielerisch Experimentelle bahnte sich seinen Weg auf andere Weise: indem Mattner die Bewegung mit in seine Bilder nimmt, wenn er in den Serien „Ein Mann geht vorbei“ (1978) reale Spuren des Mantels auf den mit Ruß überzogenen Blättern hinterlässt. Ein anderes Exempel sind die zeitgleich entstandenen „Nachtgespräche“, auf denen der Künstler nach Telefonaten zum „Mondscheintarif“ mit beiden Daumen den Verlauf der Dialoge nachzuzeichnen versucht.
Vor dem harten Kontrast von Hell und Dunkel forscht Mattner nach den Grauwerten. Ähnlich den kristallinen Segmenten der „Diamanten“, die 1977 aus geschnittenem Glas und transparentem Tape entstanden sind, bilden sie stets einen Teil des Ganzen, der über sich hinausweist. Erfahrbar werden solche Zwischenräume nicht nur in den von Strahlern belebten Projektionen. Sondern auch anhand einer Skulptur wie „Totes Licht“ (1978), deren tiefes Schwarz vor hartweißer Wand nur andeutet, dass es noch eine andere Sphäre gibt – einen imaginären Raum, der sich nicht betreten lässt, aber doch sichtbar ist. Und ein Zeichen dafür, dass die sonderliche Theorie von der Welt als Hohlkörper den Reiz des Spekulativen in sich birgt.
Galerie 401 Contemporary, Potsdamer Str. 81; bis 25. 2., Di - Sa 11 - 18 Uhr













