Der Tagesspiegel : Weite Ferne, so nah

In der Döberitzer Heide bei Berlin richtet die Sielmann-Stiftung einen Naturschutz-Park ein

Nadine Fabian

Elstal - Die Antarktis war nur einen Wimpernschlag entfernt. Heinz Sielmann hat uns beim Sprung über die Kontinente an die Hand genommen. Während wir vor dem Fernseher lümmelten, durchstreifte er die Serengeti, besuchte die Galapagos- Inseln und lauschte der Natur ihre Geheimnisse ab. Er hat uns mit dem Meerdrachen bekannt gemacht und den Klippschliefer vorgestellt. Inzwischen ist er 88. Ans Kürzertreten aber denkt er nicht. Die Kamera ist nicht mehr dabei – Sielmann stellt sich neuen Aufgaben.

1994 gründete Deutschlands bekanntester Tierfilmer mit seiner Ehefrau Inge die Heinz-Sielmann-Stiftung. Die in München ansässige gemeinnützige Organisation hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen an einen positiven Umgang mit der Natur heranzuführen. Sie will letzte Refugien seltener Tier- und Pflanzenarten erhalten und die Öffentlichkeit für die Natur und ihren Schutz sensibilisieren.

Mit dem Kauf einer ehemaligen Tagebaulandschaft südöstlich von Luckau (Landkreis Dahme-Spreewald) im Jahr 2000 hat die Stiftung ihr Engagement in Brandenburg intensiviert. Später kamen 1055 Hektar des Naturschutzgebiets Groß Schauener Seenkette (Oder-Spree) dazu. Und seit Juli 2004 umhegt die Stiftung auch etwa 3500 Hektar der 5000 Hektar großen Naturschutzgebiete Döberitzer Heide und Ferbitzer Bruch (Havelland/Potsdam Mittelmark). Für Sielmann „ein Meilenstein in der Geschichte der Stiftung“.

Jetzt gewährte Sielmann erste Einblicke in das „einmalige Juwel“. Drei Jahrhunderte lang war das nur wenige Kilometer westlich der Berliner Stadtgrenze gelegene Gebiet als Truppenübungsplatz genutzt worden. 1713 rückten als Erste die Soldaten Friedrich Wilhelms I. zum Manöver an. Zuletzt dröhnten bis zu ihrem Abzug 1994 russische Panzer über das Gelände.

Die militärische Nutzung formte eine in der Mark seltene weitläufige Landschaft. Offene Flächen und Wald, Moore, Brüche und kleine Gewässer wechseln sich im gewaltigen Heide-Mosaik ab. Eine Fluchtburg für mehr als 5000 verschiedene und zum Teil sehr seltene Pflanzen- und Tierarten, darunter Seeadler, Wiedehopf, Biber, Kreuzkröte und Sielmanns Lieblingstier, der Fischotter.

Die Stiftung will diesen Naturschatz erhalten und schützen, will aber auch naturverträgliche Tourismusangebote erarbeiten. „Naturschutz und Naturerleben müssen sich nicht ausschließen“, sagt Sielmann. Für die Umsetzung des Projekts zeichnet die im Oktober 2004 gegründete „Sielmanns Naturlandschaft Döberitzer Heide gGmbH“ verantwortlich. Gesellschafter sind die Sielmann-Stiftung und der Naturschutz-Förderverein Döberitzer Heide.

Am Rande der Gemeinde Elstal soll ein wildnisähnliches Naturschutz- und Naherholungsgebiet entstehen. Zwölf Millionen Euro sind dafür veranschlagt. Die Stiftung bemüht sich um Fördermittel, könnte das Vorhaben aber auch aus eigener Kraft stemmen. Geplant ist ein Schaugehege mit Przewalski-Pferden (Urwildpferde), Wisenten (europäische Wildrinder) und Rotwild. Die Weidetiere sollen Attraktion und Landschaftspfleger gleichermaßen sein. Das Gehege soll bereits Ende November dieses Jahres komplett sein. Bis 2013 folgen ein Rundwanderweg, ein Informationszentrum mit Café und Ausblicks-Terrasse, Abenteuerspielplatz und Hofladen sowie eine 200 Hektar große Wildniszone, die für den Besucherverkehr gesperrt bleiben wird. Die Stiftung erwartet jährlich 400000 Gäste. „Wenn möglich, kaufen wir weiteres Land an“, sagt Walter Stelte, Vorstandsmitglied der Stiftung.

Allerdings haben unter Fingerkraut und Wollgras vereinzelt Panzergranaten, Übungsminen und Artilleriegeschosse den Abzug der Russen überdauert. Spaziergänge sind daher nur auf ausgewiesenen Wegen erlaubt. Die Räumung der Munitionsreste auf den übrigen Flächen wird noch einige Zeit dauern.

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