Der Tagesspiegel : Wellness in Brandenburg

SPD-Chef Kurt Beck tourte durch Teltow, Angermünde, Oranienburg und fühlte sich in Begleitung von Ministerpräsident Platzeck sichtlich wohl

Thorsten Metzner

Man kann wirklich nicht behaupten, dass Kurt Beck einen Menschenauflauf auslösen würde. Einsam und verlassen liegt der Marktplatz von Angermünde in der Mittagshitze, als der SPD-Bundesvorsitzende, begleitet von Ministerpräsident Matthias Platzeck, seinen Rundgang beginnt. Nur in einem Straßencafé gegenüber dem Rathaus sitzen ein paar betagte Damen. „Hier ist wohl die städtische Jugend versammelt?“, begrüßt Beck das Kaffeekränzchen launig, was ganz gut ankommt. „Einen schönen Tag noch!“, wünscht der Besucher dann. Und schon geht’s weiter.

So sieht es also aus, wenn der SPD-Parteivorsitzende seine Pfälzer Heimat verlässt und durch Deutschland tourt, um „nah bei den Menschen“ zu sein, wie es in den Ankündigungen des Willy-BrandtHauses heißt. Aber in der dünn besiedelten Uckermark ist die Nähe zum Menschen gar nicht so leicht. Die Quote sieht dann in etwa so aus: Kurt Beck begrüßt in Angermünde aufgeräumt einen Bäckermeister durchs Fenster, sagt einer Fahrrad- und einer Blumenhändlerin sowie einer Familie mit zwei Kindern, die sich gerade ein Eis schmecken lassen, „Guten Tag“. Dann ist da noch ein Berliner, der aus Zehlendorf in die Uckermark geradelt ist. „Ich mache zwei, drei Wochen Urlaub und fahre keinen Tag unter 50 Kilometer Rad“, erklärt ihm Beck. Die Antwort: „Da habe ich Sie aber noch nie gesehen.“

Große Politik? Die Krise der SPD, der Dauerstreit, ob um Clement oder um Ypsilanti in Hessen? Interessiert hier nicht. Nur die Journalisten und TV-Teams haben Kurt Beck schon am Morgen beim Auftakt seiner Tagesreise im Technologiezentrum Teltow mit Fragen danach bombardiert. Ansonsten beschert Brandenburg dem SPD-Chef einen Wohlfühltag. Zwar hatte es kürzlich auch aus der hiesigen SPD Störfeuer gegen ihn gegeben – wie den Spruch des Finanzministers Rainer Speer, der ihm „Aussetzer“ bescheinigte, wie ein Artikel in einer SPD-Zeitung, in der er als „Geisterfahrer“ tituliert wurde. Aber das ist für Kurt Beck erledigt. „Ach“, sagt er in stoischer Ruhe nur, als er darauf angesprochen wird, „kein Thema“.

Platzeck, der gerade in Ungarn, Italien und Becks Heimat Rheinland-Pfalz Urlaub gemacht hat, sekundiert: „Das spielt keine Geige. Wir verstehen uns gut. Das weiß doch jeder.“ Und so sieht das auch aus, als Platzeck seinen Nachfolger an der Spitze der Bundespartei zu Hightech-Firmen in Teltow und durch Angermünde führt. Man scherzt, man erzählt sich Witze. Beck fühlt sich wohl, darf eher der Ministerpräsident zu Gast sein.

Am Abend stellt sich der Parteichef dann in der proppenvollen Orangerie des Oranienburger Schlosses 200 Gästen zum „Deutschland-Dialog“. Ein geregelter Dialog: Man darf Fragen auf Zettel notieren, die der Moderator, SPD-Unterbezirkschef Martin Witt, dann verliest. Beck antwortet souverän-routiniert – ob zu Ost-Renten, Innerer Sicherheit, Kampfeinsätzen der Bundeswehr, zum Bombodrom. Am Ende erhält er freundlichen Beifall und gute Wünsche von Platzeck, der selbst aus gesundheitlichen Gründen das Amt aufgegeben hatte, dass „Kurt Beck Kraft und Nerven behält, dass er gesund bleibt“. Denn „wir brauchen dich in unserer Partei – und zwar an der Spitze.“

Ach ja, da gab es noch den Hinweis von Witt. „Die anderen Fragen werden schriftlich beantwortet“. Welche Fragen nicht öffentlich verlesen wurden? Es seien schon einige, wenn auch nicht viele „zur SPD, zu Clement, zur Linkspartei“ gewesen, sagt Witt später auf Nachfrage. „Aber wir wollten keine Nabelschau zur SPD – es kotzt die Leute an.“ So viel Fürsorge in der eigenen Partei erlebt Kurt Beck selten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben