Welt-Aids-Tag : "Ich überlebe so lange, weil ich es will"

Heute ist Welt-Aids-Tag. In Berlin halten es viele nicht mehr für nötig, sich vor dem Virus zu schützen Carsten Konrad kennt die Folgen dieser Sorglosigkeit. Er lebt seit fast 20 Jahren mit dem HIV-Virus.

Udo Badelt
Konrad Foto: David Heerde
Mit eisernem Willen. Carsten Konrad will sich von der Krankheit nicht unterkriegen lassen. -Foto: David Heerde

Wo Carsten Konrad wohnt, vibriert das urbane Leben. Rechts von seinem Haus liegt die Volksbühne, links der Pfefferberg, vor seiner Tür vermischen sich die Nachtschwärmer von Mitte mit denen von Prenzlauer Berg in einem Strudel aus Leuten, Lichtern und Lachen. An Krankheit dürften die wenigsten von ihnen denken. Carsten Konrads Haus steht fremd in all dem glückseligen Berlin-Mitte-Lebensgefühl. Es ist sozialer Wohnungsbau. Abends blickt er oft auf die Straße hinunter. Der Begriff Nachtleben hat für ihn eine vollkommen andere Bedeutung. Denn nachts kann er oft nicht schlafen. Er ist 24 Stunden damit beschäftigt, zu überleben. Vor fast 20 Jahren hat er sich mit HIV infiziert. Viele schaffen es nicht, so alt zu werden wir er. Die Krankheit ist die dunkle Seite des Berliner Nachtlebens. Vergangenes Jahr infizierten sich 500 Berliner mit dem HI-Virus. Nirgendwo in Deutschland ist die Rate, bezogen auf die Einwohnerzahl, höher.

Die Wohnung von Carsten Konrad ist behaglich. Überall warmes Licht, eine bequeme Couch, ein Tischchen mit Fotos der Familie. Die vielen Medikamente fügen sich da fast harmonisch ins Bild. Ein kleiner Zimmerspringbrunnen plätschert, an der Wand hängt die Flagge von Amsterdam und eine schwule Ikone, die Fotografie „Fred With Tires“ von Herb Ritts. Carsten Konrad macht Tee. „Ich habe so lange überlebt, weil ich es will“, sagt er. In Schachteln klappern große, bunte Tabletten. Es ist die Kombinationstherapie. Er muss 19 Stück von ihnen schlucken. Jeden Tag. Dazu kommen täglich zwei Spritzen. „Das sind Fusionshemmer“, erklärt er, „die verhindern, dass das Virus mit einer Zelle verschmilzt.“

Es ist seine inzwischen zehnte Therapie. Die jahrelange Beschäftigung mit den Medikamenten hat aus ihm einen Gesundheitsexperten gemacht, der zu allem sofort detailliert etwas zu sagen weiß. Das Virus sei evolutionär, meint er, es ändere sich so schnell, dass es allen anderen Organismen überlegen sei. Er sei notgedrungen so etwas wie ein Alchemist geworden, die Ärzte würden schon stöhnen, wenn sie ihn sehen, weil er immer alles besser wisse. Vor allem über das Thema Ernährung redet er stundenlang. „Die Leute essen viel zu viel gehärtete Fette, Croissants, Pommes Frites. Das geht bei mir nicht. Um das Gleichgewichtssystem zu halten, gibt’s bei mir nur weiche Sachen, Brei, Grütze, eingeweichtes Brot, ohne Genussgifte.“

Vor neun Jahren ist er schon einmal im Tagesspiegel porträtiert worden, damals hielt er sich gerade im Auguste-Viktoria-Krankenhaus auf. Sein Immunsystem war auf einem Tiefpunkt angelangt. Er hätte, sagt er heute, damals nicht damit gerechnet, noch so lange zu leben. Dass es nun anders gekommen ist, verdankt er den neuen Therapien, aber auch seiner Einstellung. Ein falscher Lebensstil kann die Wirkung der Therapien zunichte machen. Carsten Konrad versucht deshalb, so gesund wie möglich zu leben, trinkt keinen Alkohol, feiert nicht exzessiv und sucht wenig Kontakt zu anderen Menschen, um sich nicht etwa durch Husten mit neuen Erregern anzustecken. So hat er überlebt, aber die vergangenen neun Jahre waren für ihn ein ständiges Auf und Ab. Im Schnitt war er alle zwei Jahre für einige Wochen im Krankenhaus.

Das hat Spuren hinterlassen. Er zeigt seinen vom Kampf gegen die Krankheit gezeichneten Körper. Der Bauch ist aufgedunsen, die Füße voller Altersflecken. Aber Carsten Konrad ist erst 42. Zwischen den Beinen bedeckt Kaposi-Sarkom die Haut. Das ist eine Krebserkrankung, unter der vor allem zu Beginn der Aids-Krise viele Patienten gelitten haben. Viele Flecken sind aber schon wieder verschwunden, seit sie mit einer Chemotherapie behandelt werden.

Der Kampf begann 1989. Damals war der gebürtige Weddinger 23 Jahre alt und studierte Pharmazie. Dann kam die Diagnose „HIV positiv“. Wie er sich angesteckt hat, weiß er bis heute nicht genau. Zunächst konnte er seine Ausbildung zum medizinisch-technischen Assistenten beim Lette-Verein in Schöneberg weitermachen. 1997 hielt er die Doppelbelastung aus Arbeit und Krankheit nicht mehr aus. ZIK – „Zuhause im Kiez“, eine Organisation, die für Aids-Kranke neue Heimstätten organisiert – verhalf ihm zu der Wohnung, in der er bis heute lebt. Sie wirkt wie eine Insel der Ruhe in einem Haus, in dem viele kinderreiche Familien wohnen. Freunde hat er – abgesehen von seinem Partner, mit dem er schon über zehn Jahre zusammen ist – kaum noch. Von den Gleichaltrigen, die genauso lange überlebt haben wie er, sterben immer mehr. Und die Jungen, die er kennt, leben meistens nicht so lange. „Sie sind permanent besoffen, nehmen Drogen, bringen sich um. Sie sind wie flackernde Kerzen im Wind. Brennen aus und verglühen.“

Damit spricht er eines der größten Probleme nach einem Vierteljahrhundert Aids an: Prävention vererbt sich nicht. Jede Generation muss aufs Neue aufgeklärt werden. Es gibt zwar mehr Möglichkeiten, mit der Krankheit umzugehen. Aber wer sich diesen Möglichkeiten nicht mit Haut und Haaren verschreibt, geht unter. Das fängt mit der regelmäßigen Einnahme der Medikamente an. „Die Tabletten müssen auf Teufel komm raus drin bleiben“, sagt Carsten Konrad, „und es ist völlig egal, ob du Durchfall hast oder kotzen musst. Die Dinger brauchen bis zu einer Stunde, um sich aufzulösen.“

Bei all dem seinen Humor zu behalten, ist schwer, aber wichtig. Nachts sieht er, wenn er mal wieder nicht schlafen kann, Komikserien an – „um die Seele Karussell fahren zu lassen“. Oder er schaut aus dem Fenster. Da unten haben die Nachtschwärmer schließlich alle Hände voll zu tun, sich zu vergnügen.

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