Weltbevölkerung : Ab 2008 mehr Städter als Landbewohner

Nach Berechnungen der Vereinten Nationen werden im kommenden Jahr mehr Menschen in Städten leben als auf dem Land - die UN sieht das positiv.

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Megacitys wachsen langsamer als in den 70er Jahren prognostiziert. -Foto: dreamstime.com

New York/BerlinErstmals wird es im Jahr 2008 auf der Erde mehr Städter als Landbewohner geben. Das ist das zentrale Ergebnis des am Mittwoch in New York, London und Berlin vorgestellten Jahresberichts des UN-Bevölkerungsprogramms UNFPA. Nach Berechnungen der Vereinten Nationen dürfte die Zahl der Städter im kommenden Jahr bei 3,3 Milliarden oder etwas über 50 Prozent der Weltbevölkerung liegen: Ein historischer Rekord. Noch steiler soll die Kurve danach hochschnellen. Bis 2030 erwartet UNFPA fünf Milliarden Stadtbewohner.

Vor allem in Asien und Afrika komme das Wachstum der Städte zum Tragen, bei gleichzeitigem Rückgang der Landbevölkerung. Dort werde sich die städtische Bevölkerung bis 2030 im Vergleich zum Jahr 2000 teilweise verdoppeln, heißt es in dem Bericht. In Asien dürfte der Anteil der Städter in diesem Zeitraum von derzeit 1,36 auf dann 2,64 Milliarden ansteigen, in Afrika von 294 auf 742 Millionen und in Lateinamerika sowie der Karibik von 394 auf 609 Millionen Menschen.

UN: Verstädterung positive Entwicklung

Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) betonte, dass angesichts dieser Entwicklung "enorme Anstrengungen" in den Städten nötig seien. "Das kann aber nicht heißen, die ländliche Entwicklung zu vernachlässigen." Es gebe keine Patentrezepte, die innerhalb kurzer Zeit wirken. Wichtig sei, die Bürger in den Städten einzubeziehen - insbesondere Frauen und arme Bevölkerungsgruppen. Die Menschen müssten selbst ihre Stärken entwickeln können. Es gelte daher, die Chancen auf eine Ausbildung zu erhöhen und die Gesundheitsversorgung zu verbessern. Das stehe auch im Zentrum deutscher Entwicklungshilfepolitik.

Die Vereinten Nationen sehen in der Verstädterung trotz aller Probleme eine positive Entwicklung. "Im Industriezeitalter hat ohne Urbanisierung noch kein Land ein nennenswertes Wirtschaftswachstum erreicht", heißt es in dem Bericht. Die Chancen, in einer Stadt weiter zu kommen, seien größer als die auf dem Land. Das bestätigte auch die stellvertretende Geschäftsführerin der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung, Renate Bähr, in Berlin. Zudem sei die Arbeit von Entwicklungshelfern in Städten leichter. Beispielsweise sei dort die Aufklärung über Verhütungsmethoden einfacher.

Langsameres Wachstum der Megacitys

Der Prozess der Verstädterung sei ohnehin unausweichlich, sagte die stellvertretende Direktorin der UNFPA-Abteilung für arabische Staaten, Europa und Zentralasien, Bettina Maas. "Die Städte sind die Zukunft der Welt." Hier werde sich der Kampf um die Erreichung der Millenium-Entwicklungsziele entscheiden - insbesondere das Ziel, die weltweite Armut bis 2015 zu halbieren.

Überraschend wachsen nach UNFPA-Angaben kleinere Städte mit weniger als einer halben Million Einwohner am schnellsten. Megacitys mit zehn Millionen und mehr Einwohnern bleiben dagegen deutlich hinter den Prognosen der 1970er Jahre zurück. Kleinere Städte könnten grundsätzlich ihre Probleme leichter lösen, doch nur wenige hätten dies bislang in Angriff genommen.

Sorgen um die Folgen des Klimawandels

Derzeit lebt rund eine Milliarde Menschen - knapp jeder siebte Erdenbürger - laut UNFPA in einem städtischen Slum. Nach Angaben Bährs von der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung wohnen in afrikanischen Ländern südlich der Sahara 70 Prozent der Städter in Elendsvierteln. Dort sei das Bevölkerungswachstum höher als in reicheren Stadtteilen. Der größte Zuwachs komme mittlerweile aus den Städten selbst und sei nicht das Resultat der Zuwanderung vom Land.

Sorge bereiten den Experten des UN-Bevölkerungsprogramms mögliche Folgen des Klimawandels. Ihren Daten nach leben 13 Prozent aller Asiaten, Australier und Neuseeländer in Küstennähe und könnten von dem erwarteten Anstieg der Meere direkt betroffen sein. In Europa würden dagegen nur sieben und in Lateinamerika sogar nur sechs Prozent unter dem höheren Wasserstand zu leiden haben. (mit dpa)