Fünf Jahre nach dem Erdbeben in Haiti : Zwischen Slums und Luxushotels

Das verheerende Erdbeben in Haiti 2010 hat Millionen Menschen obdachlos gemacht. Nur mühsam gelingt es den Menschen, wieder Fuß zu fassen. Der Wiederaufbau verläuft sehr ungleich – und politisch befindet sich das Land in einer Sackgasse.

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Das Zeltlager Icare in der Hauptstadt Port-au-Prince wird nach und nach geräumt.
Das Zeltlager Icare in der Hauptstadt Port-au-Prince wird nach und nach geräumt.Foto: epd

Planen werden zusammengerollt, Habseligkeit zusammengepackt: Mittlerweile klaffen in der Zeltstadt Icare im Zentrum von Port-au-Prince einige Lücken. Fünf Jahre nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti, bei dem 250 000 Menschen starben und 1,5 Millionen obdachlos wurden, herrscht Aufbruchstimmung. Vor ein paar Monaten schickte die Internationale Organisation für Migration (IOM) eine Vorhut, um den auf einem Fußballplatz gedrängt lebenden Familien eine Alternative anzubieten. Sie gehören zu den letzten 85 000, die noch immer in Zelten hausen. 27 000 Gourdes (rund 500 Euro) bekommt jede Familie, die freiwillig das Lager räumt. „Hoffentlich bin ich auch bald dran“, sagt die vierfache Mutter Samantha Jean-Pierre. Die Menschen in Icare haben Glück im Unglück. Andernorts wurde es den Grundstückseignern längst zu bunt, und sie hetzten bewaffnete Paramilitärs oder die Polizei auf die Zeltbewohner. 60 000 wurden so vertrieben, schätzt die Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Laut Gesetzeslage ist das legal.

Der Großteil der Hilfsgelder floss in die Bürokratie

3,3 von den angekündigten zehn Milliarden Euro Hilfe kamen inzwischen ins Land. Doch 90 Prozent liefen einer UN- Studie zufolge an der haitianischen Regierung vorbei, etwas mehr als die Hälfte floss in die Bürokratie: Personal, Fahrzeuge, Import von Materialien, Miete und Verwaltung der Katastrophenhelfer. Der Enthusiasmus der internationalen Gemeinschaft stieß außerdem rasch an die Grenzen eines gescheiterten Staates: In Haiti gibt es viermal mehr Titel als Land. Wer der rechtmäßige Eigner ist, kann man meist nicht mehr feststellen. Und vor Enteignungen oder einer längst überfälligen Landreform schreckten die beiden Regierungen zurück, die den Wiederaufbau überwachten. So kam der Hausbau nach nur 8000 Einheiten ins Stocken.

Private Hotels machen mit dem UN-Personal gute Geschäfte

Für die US-Hilfsorganisation USAID „überwiegen die Erfolge die Rückschläge“. Etwas differenzierter sieht das Michel Briand, der Pfarrer, der für Icare und den angrenzenden Stadtteil Fort National zuständig ist. „Das kommt auf die Perspektive an“, sagt er schmunzelnd. Denn was inzwischen wieder steht, sind Ministerien – finanziert von befreundeten Staaten wie Taiwan und Venezuela – und Luxushotels, die von privaten Investoren errichtet wurden und mit UN- und Hilfspersonal gute Geschäfte machen. Die Energieengpässe sind dank venezolanischer Öllieferungen und Heizkraftwerken weniger geworden. Die Ausfallstraßen wurden verbreitert, Plätze verschönert. Investitionen flossen in den Tourismus und die Fertigungsindustrie, vor allem im Textilbereich, und schufen Arbeitsplätze, wenngleich viel zu wenige und viel zu prekäre. Port-au-Prince wirkt heute moderner. Auch in der Landwirtschaft brachten Hilfsprogramme Fortschritte.

Mit gewalttätigen Straßenprotesten demonstrierten die Haitianer im Januar gegen die Regierung von Michel Martelly.
Mit gewalttätigen Straßenprotesten demonstrierten die Haitianer im Januar gegen die Regierung von Michel Martelly.Foto: Hector Retamal/AFP

Gewalttätige Straßenproteste in Port-au-Prince

Die Regierung des rechtsnationalen Präsidenten Michel Martelly baute Schulen – inzwischen gehen 88 Prozent der Kinder zur Schule – und modernisierte Krankenhäuser, bevor sie in innenpolitischen Querelen aufgerieben wurde. Momentan steckt das Land mal wieder in einer seiner politischen Sackgassen. Weil sich Regierung, Parlament und Wahlrat nicht einigen konnten, wurden die längst fälligen Parlamentswahlen nie anberaumt. Die Macht zwischen den vielen Clans neu aufzuteilen, ist jedes Mal ein Schlachtfest. Ab dem 12. Januar wird es kein beschlussfähiges Parlament mehr geben; seit Wochen macht die Opposition deshalb mobil. Und das bedeutet in Haiti gewalttätige Straßenproteste, von denen sich insbesondere der linke Expräsident Jean-Bertrand Aristide Aufwind erhofft.

Die Mieten steigen

Wenig geändert hat sich für die Opfer. „Ihre Hoffnungen in den Wiederaufbau sind enttäuscht worden“, so Amnesty International. Die meisten Hilfsorganisationen haben ihre Zelte inzwischen abgebrochen, und ihre Behausungen zimmern sich die frustrierten Haitianer selbst. So wie in Fort National. Schon vor dem Beben war der verbaute Hügel ein verrufener Slum ohne Infrastruktur, heute ist er ebenso chaotisch und unhygienisch wieder aufgebaut. Nur die Mieten sind gestiegen, wie Jean-Pierre seufzt. Mit ihrer Entschädigung wird die 40-Jährige nicht weit kommen – außer sie geht an den Stadtrand nach Canaan, auf einen kahlen Hügel Staatsland, den hunderttausende Obdachlose besetzt und in einen neuen Slum verwandelt haben. Doch Canaan liegt 18 Kilometer nördlich von Port-au- Prince, es gibt kein Wasser, Strom oder Kanalisation, kaum Schulen, nur ein Hospital und keine Arbeitsmöglichkeiten.

Die Geberstaaten werden ungeduldig

„Es ist unrealistisch, in einem Land mit so enormem Nachholbedarf wie Haiti Wunder zu erwarten“, sagt Sophie de Caen vom UN-Entwicklungsprogramm. Seit 1990 lösen sich UN-Missionen mit unterschiedlichen Mandaten in dem Land ab. Seither ist Caen zufolge der Analphabetismus um 41 Prozent und die Kindersterblichkeit um 44 Prozent gesunken. Doch die Probleme sind noch immer enorm, von der Gewaltkriminalität über die politische Blockade und den Umweltkollaps der völlig entwaldeten Halbinsel bis zum Exodus der gebildeten Mittelschicht. Derzeit sorgen UN-Blauhelme für Sicherheit, doch lange wird die UN vermutlich nicht mehr im Land bleiben. Die wichtigsten Geberstaaten werden ungeduldig, die internationale Gemeinschaft hat das Interesse verloren. „2010 hatten wir noch 840 Millionen Euro zur Verfügung, im vergangenen Jahr nur noch 54 Millionen“, sagt Caen.

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