Welt : … Pilze alles Plastik fräßen?

Biochemiker haben einen Einzeller erzeugt, der bei Katastrophen Öl zersetzt. Mit ungeahnten Folgen. Ein Szenario aus dem Jahr 2011

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Von Sabine Borngräber Als am Morgen des 17. März 2011, einem Donnerstag, den Angestellten des Campus-Cafés im Pembroke College der Universität Cambridge nicht nur der erste Sojamilch-Cappuccino um die Ohren flog, sondern die gesamte Espressomaschine, stand fest: Das Monster war draußen. Zwar hatten herbeigeeilte Polizeibeamte beschwichtigt, nur die völlig marode Plastikfassung des Brühbehälters habe dem Kaffeedruck nachgegeben. Umso mehr überraschte aber die Reaktion der Hochschulleitung. Am Abend bereits lief das BBC-Interview mit der Rektorin der Universität weltweit über die Nachrichtenticker: Sie forderte eine Quarantäne für die gesamte britische Insel, sofort.

Schon viel früher hätten die Forscher der Abteilung Umwelttechnologie in Cambridge Alarm schlagen müssen. In den letzten zwei Wochen waren in ihren Labors Pipettenspitzen, Messbecher, sogar Computertastaturen vergammelt – zunächst wie altes Brot von grünen Flecken übersät, zerbröckelte alles Plastik fix zu feinen Krümeln. Doch statt Rektorin und Zivilschutz zu informieren, versuchte der ehrgeizige Leiter des Projekts „Mikrobieller Abbau langer Kohlenwasserstoffketten“ die Bedrohung zu vertuschen. Erst staatliche Seuchenkontrolleure identifizierten den Plastikfresser: ein Schimmelpilz. Übertragen wurde er durch Menschen, die direkten Kontakt mit kontaminierten Kunststoffen hatten.

Dabei galt der gefräßige Einzeller mit dem Namen Aspergillus bombastus bis dahin als Hoffnungsträger. Findige Biochemiker hatten dem Pilz ein Gen eingeschleust, damit er ein Enzym produzierte, welches langkettige Kohlenwasserstoffe knackte. Bei Öltanker-Unglücken à la Exxon Valdez hätte er so ganz biologisch die gröbste Arbeit erledigen sollen: Öl zerlegen. Die Reste wären dann von Alltagsmikroben weiter verdaut worden. Nun aber stellte ausgerechnet der Anti-Öl-Pilz selbst eine Gefahr dar – für die Zivilisation. Denn auch die vier am häufigsten produzierten Kunststoffe der Welt, PE, PVC, PP und PS, waren nichts anderes als langkettige Kohlenwasserstoffe – also Pilzfutter. Und wie beim Verschimmeln üblich, bemerkte man den Schaden erst, als es zu spät war.

Fungus-Experten, Mikrobiologen und Bekämpfern von Hausschwamm wurde eins schnell klar: Aspergillus bombastus war von der fiesen Sorte, aggressiver als natürliche Pilze und vor allem viel schneller. Bereits am Montag, vier Tage später, empfahl überraschend auch der Wissenschaftsberater des Premierministers eine vorsorgliche Isolation Großbritanniens. Gerade fand in London das G8-Gipfeltreffen statt, und dort rückte der Pilz ebenfalls zum Top-Thema auf. Als bei einer Pressekonferenz die Brille des US-Präsidenten Ben Affleck – nach neuester kalifornischer Mode aus lila PVC – zerkrümelte, verstummten die Zweifler. Mit nur einer Gegenstimme (England) war der Beschluss vom 21. März bindend: Totalquarantäne für die gesamte Insel.

Jeglicher Verkehr nach außen wurde unterbrochen, zunächst für vier Wochen. „Killer Fungus Freezes Britain“, titelte die Sun am 22. März. Auch Ausländer, wie die am Gipfel teilnehmende Bundeskanzlerin Angela Merkel, saßen in England fest. „Sind wir die Nächsten?“, beschwor „Bild“ das Szenario einer weltweiten Verbreitung. Überall rannten die Leute in Apotheken, benebelten Computer und Kühlschränke mit Fußpilzsprays, lasierten Handys mit Antipilzlack und überzogen wertvolles Haushaltsgerät mit einer Schicht fungizider Salbe. Viele Deutsche vergruben vorsorglich ihr Wertplastik wie einst das Meissner Porzellan vor den Plünderungen durch die Russen.

Als die Plastikseuche dann fast zeitgleich in Birmingham, Liverpool und Edinburgh ausbrach, war klar: Nicht eine Woche, sondern viele Monate oder gar Jahre würde die Welt jeden direkten Kontakt mit Großbritannien scheuen. Das Ausreiseverbot wurde auf unbestimmte Zeit verlängert. Nur für ausgewählte Vertreter der Finanz- und Staatselite (darunter Gipfel-Teilnehmerin Merkel) gab es eine einmalige Ausnahme, nachdem diese sich einer 14-tägigen Entpilzungs-Prozedur mit UV-Licht unterzogen hatten. Sogar der Eurotunnel wurde geflutet, um illegale Warenbewegungen zu unterbinden. Tragisch endete die Kreuzfahrt eines englischen Luxusliners, den deutsche U-Boote versenkten, nachdem er Warnschüsse vor Helgoland ignoriert hatte.

Im Frühling des Jahres 2011 herrschte Anarchie. Die britische Insel war ein einziger Freilandversuch in experimenteller Archäologie. Autos fuhren nicht mehr, weil ihr Treibstoff – ebenso wie Plastik aus Erdöl gewonnen – verschimmelte. Brüchige Rohrleitungen verursachten Überschwemmungen in Firmen und Wohnungen. Spröde PE-Isolierungen ließen nicht nur die Stromversorgung zusammenbrechen, auch Mikrowellen, Computer, Fernseher und Handys funktionierten nicht mehr: Kranke blieben unversorgt, Lebensmittel wurden knapp. Nachdem die Supermärkte geplündert waren, drohte eine Hungersnot. Noch vor Ende des Sommers war Großbritannien zurückgekehrt ins Vorplastikzeitalter.

An einfache Lebensumstände und harte Arbeit gewöhnt, fiel den Bauern die Umstellung am leichtesten. Ihre Tiere lieferten Milch, Fleisch und Eier; der Veterinär behandelte auch den Menschen; Holz zum Heizen wuchs im Wald. Anders die Städter, abhängig von Hightech und Komfort. Wer keine Verwandten auf dem Land hatte, verdingte sich auf einer Farm in der Umgebung gegen Naturalien – die in Blechkanne und Einweckglas verpackt wurden. In der Stadt blühte das Handwerk wieder auf, ließ man sich Schuhe anfertigen oder Wintermäntel nähen. Fast vergessene Künste wie Spinnen, Stricken, Weben und Töpfern standen hoch im Kurs. Die Straßen waren voller Fußgänger, die mit Waren beladene Karren zum nächsten Wochenmarkt schoben, um zu handeln und zu tauschen. Die kargen Nachrichten von der Insel brachten auf dem Kontinent Ökonostalgiker zum Träumen. Als ab 2013 immer mehr von ihnen mit Fallschirmen über der Insel absprangen, stritt man in Brüssel darüber, ob die Rest-EU die Nahrungsmittelversorgung Englands aus der Luft nun ausweiten, einschränken oder einstellen sollte.

Bis 2016, in nur fünf Jahren, hatte Aspergillus bombastus England plastikfrei gefressen – und sich so selbst erledigt. Der Pilz fand keine Nahrung mehr. Die Weltgemeinschaft jedoch blieb ängstlich, fürchtete Unheil durch eventuell doch überlebende Sporen. Seit dem Cambridge-Zwischenfall waren alternative Kunststoffe auf Eiweißbasis entwickelt worden, die, obschon biologisch abbaubar, dem Plastikpilz widerstanden. Gleichzeitig ächteten die UN alle Kunststoffe auf Polymer-Basis – die größte Rückrufaktion der Industriegeschichte begann. Nach zwölf Jahren wurde 2023 in Singapur das letzte Fass geschredderten PVCs feierlich in der Müllverbrennung vernichtet.

Am Neujahrstag 2024 wird endlich die Quarantäne über Großbritannien aufgehoben. Touristen erwerben rustikale Blockade-Souvenirs zu Schleuderpreisen: Handgefertigte Bugholz-Schaukelstühle, mechanische Präzisions-Pendeluhren oder mundgeblasene Weinkaraffen. Damit nicht genug. Der Ruf des Plastiks ist gründlich ruiniert, die Angst vor einem neuen Anti-Öl-Pilz so groß, dass Erdöl als Energieträger und Rohstoff keine Rolle mehr spielt. Moderne Häuser werden, wenn überhaupt, ohne Öl beheizt; Autos fahren zunehmend wasserstoffhybrid, nur ältere Modelle werden noch mit Biodiesel betrieben. Der Grundstoff für Pharma und Chemie heißt jetzt Raps.

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