Welt : 13 Gründe, trotzdem Lotto zu spielen

Ein paar Argumentationshilfen für diejenigen Menschen, die Vorbehalte haben

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Lottospielen kommt für vernünftige Menschen nicht in Frage. Die Wahrscheinlichkeit zu gewinnen ist gering, Spielsucht ist eine Krankheit, es ist ethisch bedenklich, ohne eigenen Fleiß zu Vermögen zu kommen, man ist ein schlechtes Vorbild für die Kinder und es fühlt sich unglücklich, wer unrealistische Wünsche hat. Gibt es Gründe, trotzdem Lotto zu spielen?

Hoffnung auf Erlösung. Für die meisten Menschen bietet das Glücksspiel die einzige Möglichkeit, auf einen Schlag viel Geld zu verdienen. Eine andere gibt es nicht. Ein Gewinn verspricht das Paradies auf Erden. Der Lottoschein als Ticket zur Glückseligkeit. Wir hätten für immer ausgesorgt. Wir könnten den Griffel hinlegen. Arbeit, die üblichen Nöte des Alltags – alle Qualen wären mit einem Mal verschwunden, all unsere Wünsche ließen sich realisieren. Und das alles für nur ein paar Euro. Eine billigere Chance aufs Eldorado gibt es nicht. Die Hoffnung auf Erlösung – darf man sie dem Menschen verwehren?

Spaß am Spielen. „Ich glaube, den meisten Menschen ist klar, dass ihre Aussichten auf einen Gewinn verschwindend gering sind“, sagt der Psychologe Jörg Rieskamp, Kognitionspsychologe am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. „Sie spielen, um dabei zu sein, um vor dem Fernseher mitzuzittern, mit einem Wort: aus Spaß.“ Studien zeigen: Die meisten Menschen, die sich in die Spielhallen von Las Vegas begeben, gehen dorthin aus Spaß – und nicht in der Hoffnung auf Reichtum. Spaß am Spielen – darf man ihn den Menschen nehmen?

Der Traum von der ausgleichenden Gerechtigkeit. Mancher fühlt sich vom Leben schlecht belohnt. Der Partner weiß nicht zu schätzen, wen er neben sich hat, der Vorgesetzte sieht die Verdienste nicht, oft haben manche Menschen das Gefühl, irgendwie draufzuzahlen. Dafür wird es einst Gerechtigkeit geben, sicher, aber das kann eine Weile dauern. Wäre es nicht eine Genugtuung, einen einmaligen Bonus zu bekommen? Als Entschädigung für alles?

Das Gefühl sozialer Sicherheit. Nichts ist heute sicher. Nicht der Arbeitsplatz, nicht die Beziehung, nicht die Rente. Wie schön wäre da eine Art Grundsicherung – so eine Art Hartz 29 –, bei der man keine Angst mehr haben müsste?

Sich verführen lassen. Früher oder später wird jeder zu etwas Unsinnigem verführt. Es gehört zum Leben dazu, etwas zu tun, was nicht besonders vernünftig ist. Es schadet auch niemandem.

Es gibt einen Gewinner. Alle Berechnungen über Wahrscheinlichkeit drängen eine entscheidende Tatsache in den Hintergrund: Es gibt beim Lotto-Jackpot irgendwann einen realen Gewinner. Warum soll ich nicht dieser reale Gewinner sein?

Sich Illusionen machen. Warum sollte man gewaltsam all jene Wahrnehmungsverzerrungen, die das Leben mit sich bringt, ausgerechnet beim Lotto ausschalten wollen? Kann man es jemandem verdenken, dass er sich Illusionen macht? Zwar hat jeder von uns das Gefühl oder gar die Gewissheit, dass die Chancen beim Lotto ziemlich schlecht stehen – aber sooo schlecht nun auch wieder nicht, denken wir andererseits. Die Illusion guter Chancen rührt daher, dass wir die Gewinner immer zu Gesicht bekommen. Sie werden im Fernsehen gefeiert. Man sieht die Wohnung mit dem Fenster, hinter denen die Gewinner an die Decke springen. Die Millionen Fenster hingegen, hinter denen sich die Millionen Verlierer befinden, sieht keiner.

Gefühlter Gewinn. Unser gefühlter Gewinn schnellt mit steigendem Jackpot hoch. Es ist ein gutes Gefühl, bei einem großen Jackpot mitzumachen. „Tatsächlich aber ist es so, dass man, wenn es nur um den Gewinn geht, gerade bei hohem Jackpot nicht spielen sollte“, sagt der Psychologe Rieskamp. Der Grund: Da nun mehr Menschen mitspielen, steigt auch die Wahrscheinlichkeit, den Gewinn teilen zu müssen – und zwar so stark, dass man besser dran ist, sein Glück bei kleinerem Jackpot zu versuchen. Aber dann wäre der gefühlte Gewinn, der in Aussicht steht, kleiner und unser Gefühl schlechter. Es ist daher rational, das Falsche zu tun.

Mit anderen teilen. Viele Menschen sagen, sie würden im Fall eines Gewinns einen Teil für soziale, sportliche oder künstlerische Projekte ausgeben. Wäre es nicht schön, genug Geld zu haben, um die Welt ein bisschen besser zu machen?

Solidarität. Tippgemeinschaften unter Kollegen sind in unserer Welt eines der letzten Rückzugsgebiete, in denen wirkliche Solidarität – eine Art gefühlter Kommunismus – praktiziert wird. Wenn die Tippgemeinschaft etwas gewinnt, dann gibt es endlich jenen großen Kuchen, von dem alle immer geträumt haben, und den man ehrlich und gerecht verteilen kann.

Ethisch etwas lockerer werden. Wer beim Lotto gewinnt, kassiert das Geld vieler kleiner Leute. Ist das verwerflich? Die Teilnehmer geben ihr Geld gerne am Lottoschalter ab. Sie würden ihrerseits ohne Gewissensbisse einen Gewinn annehmen. Es ist ein System, bei dem alle Beteiligten freiwillig und mit egoistischen Erwartungen ihr Geld geben. Dann darf man es auch nehmen, wenn man gewinnt. Selbst wenn Geld- und Raffgier im Spiel sind: Es gibt in unserer Zivilisation ethisches Instrumentarium, das diese Gefühle rechtfertigen, entschuldigen oder positiv bewerten kann. Dagegen ist diejenige Ethik, die Gier verdammt, schon älter.

Lust auf Absurdes. Die Idee, dass viele Leute ihr Geld in einen großen Topf werfen und es anschließend neu verteilt wird, ist zwar ein bisschen absurd, aber warum soll man nicht zur Abwechslung etwas Absurdes machen.

Träume. Es gibt immer den einen besonderen Traum, den sich ein Mensch gerne verwirklichen möchte. Er denkt immer wieder daran, verschiebt ihn in die weite Zukunft und doch ist der Traum immer präsent: die Südseeinsel, das Cottage in England, der Jaguar E-Type von 1964. Träume sind etwas Schönes, und sie sind schon für ein paar Euro zu haben. bas/os

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