Welt : 16 Stunden für 116 Kilometer

Was Tagesspiegel-Leser an Heiligabend in der Bahn erlebten

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Berlin (os). Was für ein Heiligabend. Während die einen den Weihnachtsbaum schmückten, saßen Tausende Menschen auf dem Weg zu ihren Liebsten in den Zügen der Bahn. Eisregen brachte den Bahnverkehr vor allem in Niedersachsen nahezu zum Erliegen. Die Horrorstorys der Leser übertreffen einander. Was sie der Bahn ankreiden: Es waren keine Informationen zu bekommen.

Ein Elternpaar, das den Sohn in Berlin besuchen wollte, brauchte von Kassel bis Zoo neun Stunden. Normalerweise braucht der Zug drei Stunden. Der Zug war zwischen Braunschweig und Magdeburg stehen geblieben. Zum Glück war das Paar früh aufgebrochen und kam um 18 Uhr an, rechtzeitig zur Bescherung und zum Essen.

Berufstätige, die zeitlich knapp kalkulierten, erlebten ihr blaues Wunder. So wollte ein Mann aus Berlin einen festlichen Heiligabend bei der Familie in Oberhausen verbringen. Es nahm den 14 Uhr 40. Um 0 Uhr war er dort. Drei Stunden hielt der Zug in Hannover. „Als die Leute merkten, dass es heute mit dem Weihnachtsfest nichts mehr wird, kam Galgenhumor auf.“ Flaschen und Dosen wurden geöffnet, in den Waggons breitete sich Weihnachtsstimmung aus.

Eine Mutter nahm an Heiligabend am Nachmittag in Osnabrück den Zug nach Berlin. Normalzeit auf dieser Strecke: weniger als vier Stunden. Der IC 143 hatte an diesem Abend eine Verspätung von knapp neun Stunden, Ankunft in Berlin: kurz vor 2 Uhr.

Richtig lang und teuer wurde es für einen anderen Leser. Mehr als 23 Stunden brauchte er von Berlin nach Oldenburg. Die Autofahrt, er startete um 11 Uhr 30, ging zunächst zügig voran. Bis die Glätte kam. Der Mann stieg auf die Bahn um. Von Osnabrück bis Oldenburg – das sind normalerweise 116 Kilometer – sollte er 16 Stunden brauchen. Der Bahnhof Osnabrück war hoffnungslos überfüllt. Fast alle Züge fielen aus. Letzte Hoffnung: ein Zug zurück Richtung Berlin. In Hannover sollte er aussteigen, dann weitersehen. Für die 110 Kilometer nach Hannover brauchte der Zug fünf Stunden, um 1 Uhr 20 kam er an. Auf dem Bahnhof in Hannover herrscht riesiges Chaos. Hunderte stehen vor einem Informationsschalter Schlange. Die Mitarbeiter sind nicht informiert und völlig überfordert. Eine Reisende bekommt einen Anfall und schreit. Sie wird von BGSBeamten abgeführt und in einen Raum gebracht, damit sie sich dort beruhigt. Die Bahn öffnet die Vip-Lounge, damit sich die Fahrgäste ausruhen können. Sie bekommen heißen Kaffee. Um vier Uhr bietet die Bahn 40-Euro-Gutscheine für Taxis an. Der Leser verzichtet, wartet auf den nächsten Zug. Als der auch ausfällt, bietet ihm die Bahn einen 80-Euro-Gutschein an. Er akzeptiert, bezahlt für die Taxifahrt nach Bremen 160 Euro. Dort steigt er in den Zug, der es noch nicht einmal einen Bahnhof weiter schafft. Er steigt wieder in ein Taxi und kommt um elf Uhr vormittags am ersten Feiertag an.

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