• 20 Jahre nach der Festnahme: Der Fall Marc Dutroux - das große Versagen in Belgien

20 Jahre nach der Festnahme : Der Fall Marc Dutroux - das große Versagen in Belgien

Vor genau 20 Jahren wurde der Kinderschänder Marc Dutroux festgenommen. Der Fall lässt die Belgier nicht los.

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2004 wurde Dutroux verurteilt.
2004 wurde Dutroux verurteilt.Foto: dpa

Seine Mutter hat die Behörden vor ihm gewarnt. Im Januar 1995 zeigt Janine Lauwens ihren Sohn, einen gewissen Marc Dutroux, wegen Schwarzarbeit an. Sie schreibt einen Brief an das zuständige Amt und weist darauf hin, dass er zusammen mit seiner Lebensgefährtin Michelle Martin illegal Maurerarbeiten erledige. Der Hinweis findet Beachtung in der belgischen Verwaltung. Der Beamte Jacques D. nimmt sich des Falls an. In den Strafakten des damals 39-Jährigen erfährt er, dass Dutroux Mitte der 80er Jahre zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt worden ist wegen der Entführung und Vergewaltigung von fünf Mädchen und jungen Frauen. Schon nach etwas mehr als der Hälfte der verbüßten Strafe wurde Dutroux seinerzeit aber vorzeitig entlassen.

Der Beamte lädt Dutroux vor, vernimmt ihn mehr als sechs Stunden lang zur Schwarzarbeit und verhängt eine Geldbuße von umgerechnet 67.000 Euro. Sein Schreiben mit der Zahlungsaufforderung trifft bei Dutroux ein, da ist er bereits in anderer Sache verhaftet worden: Am 13. August 1996 wird er festgenommen unter dem dringenden Verdacht, die 15-jährige Laetitia entführt zu haben.

Das Mädchen kam nach einem Freibad- Besuch nie zu Hause an. Dutroux hat sie zusammen mit einem Komplizen in seinen Lieferwagen gezerrt und in einen versteckten Kerker gebracht, den er in seinem Privathaus in der Nähe der südbelgischen Stadt Charleroi eingerichtet hat. Einem Jungen im Freibad war der Lieferwagen seltsam vorgekommen. Er konnte sich bei der Polizei an ein Fragment des Nummernschilds erinnern. So kamen die Fahnder schließlich auf die richtige Spur. Auf die Spur eines Serienmörders. Die Festnahme von Dutroux vor 20 Jahren sollte Belgien in eine tiefe Staatskrise stürzen.

Laetitia wurde lebend aus Dutrouxs Kerker befreit. Ebenso ein weiteres Mädchen, das Dutroux zusammen mit einem Komplizen auf dem Schulweg gekidnappt hatte. Vier andere Mädchen, die er ebenfalls entführt und missbraucht hatte, wurden tot geborgen. Dutroux hatte die Leichen seiner Opfer, darunter auch ein Komplize, mit einem Bagger, wie er im Straßenbau benutzt wird, auf seinem Grundstück verscharrt. Bezeichnend dafür, dass er keine Reue zeigt, ist, wie er die Entführung von Laetitia rechtfertigt: „Das war, um Sabine eine Spielkameradin zu besorgen, um die sie gebeten hatte.“ Sabine hatte er Wochen vorher gekidnappt.

Die belgische Polizei und die Staatsanwaltschaft geraten in der Folge stark in die Kritik. Zahlreiche Ermittlungspannen nähren Spekulationen, dass nicht nur Schlamperei dafür verantwortlich war, dass Dutroux erst so spät festgenommen wurde. Wurde er womöglich von oberer Stelle gedeckt? Skandalös ist etwa, dass der rechtskräftig verurteilte Dutroux im April 1992 nach Verbüßung der Hälfte der Strafe wegen Vergewaltigung auf Bewährung entlassen wurde.

Der Flucht nach der Festnahme

Seinerzeit hatte die Staatsanwaltschaft dagegen protestiert, auch seine Mutter hatte vor einer Freilassung gewarnt. Schwer vorstellbar ist, dass später kein Ermittler Verdacht schöpfte und auf die Idee kam, den einschlägig vorbestraften und noch unter Bewährung stehenden Dutroux zu überprüfen, als in der Nähe seines Wohnorts immer wieder Mädchen zwischen neun und 18 Jahren spurlos verschwanden. Bei Dutroux, selbst Vater von fünf Kindern, muss dieses stümperhafte Vorgehen der Sicherheitsbehörden dazu beigetragen haben, dass er besessen war von der Illusion, die unfassbar grausamen Verbrechen begehen und straffrei davon- kommen zu können.

Wie war das möglich? Experten erklären sich das Versagen mit fehlenden Absprachen zwischen den Sicherheitsbehörden und der permanenten Rivalität der verschiedenen Polizeieinheiten und Staatsanwaltschaften. Selbst nach seiner Festnahme gelang es Dutroux, den belgischen Staat vorzuführen. 1998 entwendete er bei einem Gerichtstermin einem Bewacher die Dienstwaffe und floh. Nach einer Großfahndung mit mehr als 400 Beamten konnte er erst Stunden später in einem Wald festgenommen werden. Sowohl der Innen- als auch der Justizminister stürzten über Dutrouxs Flucht. Seitdem sitzt der mittlerweile 59-Jährige wieder in Haft. Bislang ohne Aussicht, jemals wieder auf freien Fuß zu kommen.

Die Opfer: Sabine Dardenne und Laetitia Delhez konnten lebend gerettet werden, Julie Lejeune, An Marchal, Eefje Lambrecks und Loubna Benaissa wurden ermordet.
Die Opfer: Sabine Dardenne und Laetitia Delhez konnten lebend gerettet werden, Julie Lejeune, An Marchal, Eefje Lambrecks und...Foto: dpa

Der Fall hat Langzeitfolgen. Der Name Dutroux entwickelte sich zur Chiffre für das Staats- und Behördenversagen, das wohl mit keinem Land Europas so sehr in Verbindung gebracht wird wie mit Belgien. Die Scham und die Wut der Belgier über den Skandal ist gewaltig. Ende Oktober 1996 beteiligten sich 300.000 Belgier am „Weißen Marsch“, der durch die Brüsseler Innenstadt ging. Gefordert wurden tiefgreifende Reformen bei der Justiz und Polizei. Die Justiz müsse näher an den Sorgen der Opfer sein. Die etablierten politischen Parteien Belgiens büßten Vertrauen ein.

Die belgischen Christdemokraten erlitten eine historische Niederlage und mussten in die Opposition gehen. In den späten 90er Jahren verzeichneten die liberale und die grüne Partei Ecolo einen Aufschwung. Doch auch die gesellschaftlichen Folgen sind immens: Eltern in Belgien lassen ihre Kinder draußen weniger allein. Selbst Teenager, die in Deutschland schon einmal allein ihrer Wege gehen dürfen, werden von ihren Eltern in Belgien noch auf den Spielplatz begleitet.

Peinliche Pannen - bis heute

Die Sicherheitsbehörden wurden einer grundlegenden Reform unterzogen. Während vorher die Kompetenzen der Polizei zersplittert waren und Gendarmerie und örtliche Polizei rivalisierten, gibt es nun einen integrierten Polizeiapparat mit regional zuständigen Beamten sowie der Bundespolizei. Die Justiz wurde dem Zugriff der politischen Parteien entzogen, die Richterschaft gewann erstmals ihre Unabhängigkeit. Heute entscheidet auch nicht mehr das Justizministerium wie seinerzeit bei Dutroux darüber, ob ein Straftäter nach Verbüßung einer Teilstrafe auf Bewährung entlassen wird, sondern ein Richter, dem zwei Beisitzer beigeordnet sind.

Aller Reformen zum Trotz sind die Missstände bis heute nicht zu übersehen. So wurden im Frühjahr die Gefängnisse im französischsprachigen Teil wochenlang vom Bewachungspersonal bestreikt. Die Vollzugsbeamten wollten nicht nur mehr Geld, sondern prangerten auch die sanitären Zustände hinter Gittern an. In Deutschland ist das kaum vorstellbar. Der Streik wurde zu einer Belastung für den belgischen Regierungschef Charles Michel. Für viele Bürger zeigte die Krise, welche Mühe der belgische Staat hat, die ergangenen Urteile der Justiz würdig zu vollstrecken.

Auch nach den Anschlägen von islamistischen Terroristen im Frühjahr holte Belgien der Dutroux-Skandal ein. Wieder einmal mussten sich die Sicherheitsbehörden peinliche Pannen vorwerfen lassen. Wieder einmal war ein Gefährder vorzeitig aus der Haft entlassen worden und verübte Verbrechen mit verheerenden Auswirkungen: Es geht um Ibrahim el Bakraoui, der sich Ende März am Brüsseler Flughafen in die Luft sprengte, wobei elf Menschen ums Leben kamen.

Der Täter war 2010 zu einer zehnjährigen Haftstrafe wegen Raubes mit Schusswaffengebrauch verurteilt worden und kam 2014 vorzeitig frei. 2015 verstieß er gegen seine Bewährungsauflagen, als er bei zwei Terminen nicht auftauchte. El Bakraoui war schon auf einer Reise nach Syrien, wo er Kontakt zum IS suchte. Nach seiner Rückkehr aus der Türkei, die ihn abgeschoben hatte, kam er zurück nach Belgien, gefasst werden konnte er nicht. Auch das kennen die Belgier schon: Justizminister Koen Geens und Innenminister Jan Jambon gestanden danach öffentlich Fehler ein und boten ihre Rücktritte an. Sie sind bis heute im Amt.

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