2000 bis 2010 : Glanz und Glamour in Berlin

Berlin ist als Standort für Events groß in Mode, ob es nun um gute Taten, die Anbahnung wirtschaftlicher Kontakte oder die Auszeichnung von Kulturschaffenden geht - auch Hollywood-Stars lassen sich in der Hauptstadt sehen. Ein Rückblick.

Elisabeth Binder
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Michail Jackson erhielt 2001 einen Bambi in Berlin. -Foto: ddp

Der dichte Nebel, der in der Nacht der Jahrtausendwende am Ende des Feuerwerks über dem Brandenburger Tor lag, täuschte: Die nächsten zehn Jahre sollten Berlin erlösen aus den matschigen Mühen der Aufbaujahre und zu einer internationalen Metropole entwickeln, zu einem Ort, der für Glanz und Kreativität steht. Die Funken des Jahrtausendfeuerwerks entzündeten ein gewaltiges Glitzern, mit dem damals noch kaum jemand rechnete. Daran konnten die tiefen Schatten, die ebenfalls voraus lagen, die weltweiten Krisen nach dem Anschlag auf das World Trade Center 2001 und dem Bankenzusammenbruch sieben Jahre später, nichts ändern.

Das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends fachte in der westlichen Welt insgesamt eine Lust am Glamour an. Models wurden weltweit zu Lifestyle-Ikonen, in New York verdrängten grandiose Kosmetikläden alte Buchgeschäfte, Schönheitsoperationen wurden zu einer Art Volkskrankheit mit vor allem auf großen Galas weithin sichtbaren Folgen. Auch in Moskau entwickelte sich trotz aller Probleme eine neue Glamour-Elite, Männer, die in kurzer Zeit sehr viel Geld verdient haben, und Frauen mit viel Sinn für teure Designer lassen es kräftig glitzern.

Aber ausgerechnet Berlin wurde zum Synonym für funkelnde Lebensfreude, zu einem beliebten Chill-Platz für die Stars der internationalen Society. Die viel beschworenen goldenen Zwanziger, die ja ebenfalls überschattet waren, blitzten in den nuller Jahren plötzlich wieder auf. Warm gefeiert hatte sich die von der Bundesregierung frisch bezogene neue Hauptstadt schon in den Monaten vor dem Anbruch des Jahres 2000. So viele neue Orte und Räume gab es zu zelebrieren , so viele nationale und internationale Institutionen wollten sich präsentieren und von der besten Seite zeigen, so viele Botschaften wurden eröffnet. Unter dem schrägen Dach des Sony-Centers, mitten im viel beschworenen Herzen Europas, schritten bei glanzvollen Premieren praktisch inzwischen alle Hollywood-Größen mal über den Teppich der Eitelkeiten.

Der rote Teppich wurde hier zu einer eigenen Kunstform, das begeisterte Gebrüll der Fotografen zum typischen Berliner Soundtrack. Die Oscar-Verleihung als Mutter aller Glamour-Events wurde nicht nur im Rahmen von Kino-Partys mitgefeiert, sondern tausendfach kopiert, auch in Berlin. Inzwischen gibt es Preisverleihungen und Galas für fast alles, von Amnesty International bis zu den Zeitschriftenverlegern. Glamour als Vehikel für Botschaften und zur Motivation für gute Taten einzusetzen, ist in Mode gekommen.

Am Anfang des Jahrzehnts feierte die von den späteren Schatten noch unbeeinträchtigte Spaßgesellschaft hemmungslos Feste, die keinen tieferen Sinn haben mussten, als einfach nur die Gastgeber glanzvoll an den neuen Orten zu inszenieren und zu präsentieren. Der Schweizer Botschafter Thomas Borer-Fielding und seine amerikanische Frau Shawne wurden wegen ihrer ausgelassenen Partys und prächtigen Feste zu berühmten Symbolen dieser Zeit.

Schon damals gab es Ansätze, dem Glitzern einen Sinn zu verleihen. Bereits im Jahr 2000 veranstaltete Königin Silvia von Schweden eine erste glanzvollen Gala zugunsten ihrer Stiftung, die Jugendliche vor Drogenmissbrauch schützen sollte, im damals neuen Museum für Kommunikation. Vier Jahre später lud Queen Elizabeth II. im Rahmen eines Staatsbesuchs zu einem Konzert in die Philharmonie, um Geld für die Dresdner Frauenkirche zu sammeln. Es etablierten sich große Charity-Galas, wie der aus New York importierte „Dreamball“ zugunsten krebskranker Frauen. Zur obersten Zeremonienmeisterin wurde in Berlin die vielfältig vernetzte Isa Gräfin von Hardenberg, die immer von einer großen Schar schick angezogener Hostessen umgeben war. Auf der Gästeliste zur Eröffnung des Jüdischen Museums im September 2001 standen Prominente aus aller Welt.Berlins offene Gesellschaft ist längst Legende. Wo sonst konnten ein Akademiepräsident und ein Topmanager so ungezwungen am Rande einer glanzvoll inszenierten Modeschau plaudern wie in Berlin? Es gab keine althergebrachten Zwänge, keine verkrusteten Gebräuche. In Berlin war jeder willkommen, der etwas machen wollte, egal ob es um Häuser, Filme oder Mode ging. Zur richtigen Zeit kamen die richtigen Leute nach Berlin.

Berlinale-Chef Dieter Kosslick verzichtete auf die früher in der Hochkultur verbreiteten arroganten Posen und brachte das Musical-Theater am Potsdamer Platz mit grandiosen Inszenierungen auf dem Roten Teppich zum Strahlen. Praktisch alle großen Hollywood-Stars wie George Clooney, Dustin Hoffman, Sharon Stone oder René Zellweger setzten Berlin auf ihre persönliche Landkarte, kamen immer wieder. Sie aßen im Borchardt und shoppten im Department Store 206, erkundeten wie Angelina Jolie und Brad Pritt für ihre Kinder Indoor-Spielplätze in Kreuzberg und gingen im Tiergarten spazieren wie Tom Cruise und Katie Holmes mit ihrer Tochter Suri.

Der Fußball-WM 2006 verlieh eine fast südländische Sonne zusätzlichen Glanz. Star-Fotograf Mario Testino entwickelte eine Liebe für Berlin als Fotokulisse für Modeaufnahmen, und Donatella Versace entdeckte im Tacheles einen jungen Künstler, der mit seinen Entwürfen eine ganze Kollektion von Cocktailkleidern zierte, die dann bei feinen Festen in Los Angeles oder Tokio zum Einsatz kommen konnten. Die Fashion Week richtete die Blicke der internationalen Modebranche auf die Stadt, die mit teilweise verwunschenen Locations auch so eine Art Gothic Glamour entfalten kann, der in kreativen Kreisen höchst angesagt ist. Zum Beispiel im alten Dresdner Bahnhof in Kreuzberg, der unter dem Namen „The Station“ eine neue Karriere als Event-Location gemacht hat, in dem mal der berühmte Pirelli-Kalender gefeiert wurde, mal ein Autobauer für eine Party einen künstlichen See angelegt hat.

Glamour in Gestalt von Eleganz kam aber auch aus anderen Ecken. Das Image von der notorisch entspannten Berliner Kleiderordnung hat sich längst verändert. Als vor einigen Wochen der langjährige Protokollchef des Auswärtigen Amtes, Botschafter a. D. Bernhard von der Planitz, seine Tochter Nicola in Nikolskoe zum Traualtar führte, trugen die überwiegend jungen Herren Cutaway und die Ladys an ihrer Seite Hut zum Cocktailkleid. Der britische Botschafter seufzte angesichts von so viel Stil genüsslich: „Fast wie zu Hause.“ Auch das gehört zu den Folgen des Regierungsumzugs, dass deutsche Diplomaten, die in der ganzen Welt zu Hause sind, in Berlin ihr Hauptquartier aufgeschlagen haben und stilprägend wirken.

Der russische Botschafter Vladimir Kotenev nutzt die verbreitete Sehnsucht nach Glamour seit einigen Jahren als Vehikel, um sein Land in positive Zusammenhänge zu rücken. Die Feste in seiner Botschaft glitzern noch kräftiger als die, mit denen einst der Schweizer Botschafter am Beginn des Jahrzehnts den Spitzen der Spaßgesellschaft ein Parkett bot, aber sie verfolgen einen Sinn. In den prachtvollen Räumen Unter den Linden amüsieren sich Thomas Gottschalk und Udo Jürgens, Wolfgang Joop und Gerhard Schröder, wenn beim alljährlichen Wirtschaftsball angesichts der teuren Roben die Blitzlichter verrückt spielen.

2001 erhält der Popstar Michael Jackson (Foto oben) in Berlin seinen Bambi, acht Jahre später freut sich die Regisseurin Claudia Llosa aus Peru (Foto unten) über einen Goldenen Bären. Berlin ist als Standort für Events groß in Mode, ob es nun um gute Taten, die Anbahnung wirtschaftlicher Kontakte oder die Auszeichnung von Kulturschaffenden geht. Oder auch nur um eine neue Sandalenkollektion – die zeigte das brasilianische Model Gisele Bündchen 2008 im Adlon.

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